Depressionen, Sucht und Co.

Psychische Krankheiten: So spricht man Kollegen darauf an

Eine medizinische Fachkraft mit Haube und Mund-Nasen-Schutz blickt zu Boden.
Amely Schneider | 23.11.2022 | Lesedauer: 4 Minuten

KollegInnen auf ihre psychischen Probleme anzusprechen, fällt vielen schwer. Dennoch ist es wichtig. Hier steht, was dabei zu beachten ist.

Seit ein paar Wochen ist der Kollege irgendwie anders als sonst. Er wirkt lustlos und niedergeschlagen. An Gesprächen in der Kaffeeküche beteiligt er sich nicht mehr. Er vergisst Termine, wirkt unkonzentriert, fehlt immer wieder tageweise. Leidet er vielleicht an einer Depression?

Psychische Krankheiten sind ein Tabu

Einen Kollegen darauf anzusprechen, ob er psychische Probleme hat, ist nicht einfach. Auch wenn Depressionen, Burnout oder auch Suchterkrankungen in der Bevölkerung weit verbreitet sind, sind sie in der Arbeitswelt und vor allem unter ÄrztInnen ein Tabuthema. Denn hier geht es um Leistung und Effizienz. Ist jemand im Klinik-Team betroffen, reagieren viele mit Unsicherheit: Soll man den Kollegen auf so etwas ansprechen? Ist das nicht Privatsache?

Betroffenen kann es jedoch sehr helfen, wenn jemand sie auf ihre Veränderung aufmerksam macht. Manchmal ist dies der erste Anstoß, über sich selbst zu reflektieren, achtsamer mit sich selbst umzugehen und sich einzugestehen, dass man mit einem Arzt, einer Ärztin oder mit einer Psychologin, einem Psychologen über seine Probleme reden sollte. Bleibt eine psychische Erkrankung unbehandelt, können sich die Symptome verschlimmern.

Eine Hand mit Einmalhandschuh hält ein Glas Schnaps in der Hand. Zudem sind Tabletten auf einem Tisch zu sehen.

Alkohol- und Drogensucht sind weit verbreitete psychische Krankheiten

Sozialer Rückzug kann Anzeichen sein

Aufmerksam werden sollte man, wenn sich KollegInnen über mehrere Wochen anders verhalten als man es von ihnen gewohnt ist. So können Betroffene beispielsweise müde oder traurig sein – und das über einen längeren Zeitraum und ohne konkreten Anlass. Vielleicht reagieren die KollegInnen aber auch auffallend gereizt, aggressiv oder zynisch.

Weitere Warnsignale sind sozialer Rückzug oder häufige Klagen über körperliche Symptome wie Kopfschmerzen oder Schwindel. Spricht man den Kollegen oder die Kollegin auf solche Anzeichen von psychischen Erkrankungen an, ist es wichtig, dies in einem geschützten Moment zu tun. In jedem Fall muss ein solches Gespräch unter vier Augen stattfinden, am besten in einem separaten Zimmer oder während eines Spaziergangs.

Erst einmal aufmerksam zuhören

Die „Offensive Psychische Gesundheit“ der Bundesregierung bietet in einem Gesprächsleitfaden Tipps, die bei solchen Gesprächen unterstützen. Ein paar davon haben wir hier aufgelistet:

  • Das Problem sollte nicht dramatisiert werden. Sprechen Sie das Thema ruhig und in normalem Ton an.
  • Schildern Sie Ihre eigenen Beobachtungen möglichst neutral. Das geht mit Ich-Botschaften besonders gut, also zum Beispiel so: „Ich beobachte in letzter Zeit, dass Sie ...“.
  • Beschreiben Sie konkrete Situationen, in denen Ihnen Veränderungen oder andere Symptome aufgefallen sind.
  • Lassen Sie Ihr Gegenüber spüren, dass es hierbei nicht um Kritik unter KollegInnen geht, sondern dass Sie sich Sorgen machen.
  • Stellen Sie während des Gesprächs möglichst offene Fragen, um viel Raum für eine Antwort zu lassen. Fragen Sie also zum Beispiel: „Was beschäftigt Sie gerade?“
  • Achten Sie darauf, nicht urteilend oder wertend auf Ihr Gegenüber zu reagieren.
  • Vermeiden Sie banale Tipps wie „Man muss nur wollen.“, „So schlimm ist das doch nicht.“ oder „Das wird schon wieder.“

Beim ersten Gespräch mit einer Kollegin oder einem Kollegen kommt es nicht so sehr auf das Gesagte an. Viel wichtiger ist tatsächlich das Zuhören. Zeigen Sie Interesse und ihre Sorge. Aber halten Sie sich mit Ratschlägen und vor allem mit Mutmaßungen über psychische Diagnosen zurück. Eine Diagnose kann nur ein Facharzt stellen.

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Gesprächsbereitschaft signalisieren

Generell darf man vom ersten Gespräch nicht allzu viel erwarten. Vielleicht fühlt sich die Kollegin oder der Kollege erst einmal überrumpelt, leugnet alles oder lehnt es ab, mit Ihnen darüber zu sprechen. Lassen Sie ihr oder ihm etwas Zeit. Manchmal suchen die Betroffenen zu einem späteren Zeitpunkt erneut den Kontakt und wollen an das erste Gespräch anknüpfen. Deshalb ist es ein guter erster Schritt, zunächst einfach nur Gesprächsbereitschaft zu signalisieren und das klar zu kommunizieren. Sagen Sie zum Beispiel: „Wenn Sie reden wollen, kommen Sie gerne auf mich zu.“

Eigene Grenzen kennen

Als Kollege oder Kollegin eines depressiven Mitmenschen sollte man sich bewusst machen, dass man auf Ablehnung stoßen kann. Vielleicht möchte das Gegenüber nicht über mögliche psychische Probleme reden, zumindest nicht mit einer Kollegin oder einem Kollegen. Das sollte man nicht persönlich nehmen.  Man kann ein Gespräch nur anbieten, aber nichts erzwingen.

Wichtig ist zudem, an die eigenen Grenzen zu denken. Sagen Sie deshalb ganz offen, wenn Sie selbst nicht weiterhelfen können und verweisen Sie auf professionelle Hilfe. Kolleginnen und Kollegen können keine professionellen Therapeuten oder Fachärzte ersetzen.

Chirurg sitzt mit geschlossenen Augen in einem Sessel und entspannt.

Ärzte und Ärztinnen leiden laut diversen Studien häufiger unter Depressionen als die Gesamtbevölkerung

Depressionen und andere psychische Erkrankungen unter Ärzten weit verbreitet

Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung leiden Ärztinnen und Ärzte besonders häufig unter Depressionen, Burnout oder Suchterkrankungen. Nach Schätzungen der Bundesärztekammer haben 7 bis 8 Prozent der ÄrztInnen einmal im Leben eine behandlungsbedürftige Suchterkrankung. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung beträgt der Anteil 5 bis 6 Prozent. 

Auch bei Thema Suizid, Depression sowie Burnout gibt es mehreren Studien zufolge Auffälligkeiten unter Ärzten, vor allem unter jungen Ärzten, Assistenzärzten und sogar unter Medizinstudenten. Wie Denise Linsmayer in „Suizidalität und Sucht unter Ärzten” schreibt, leiden im Vergleich zur restlichen Bevölkerung Assistenzärzte und Medizinstudenten 15 bis 20 Prozent öfter an depressiven Symptomen.

Bei einer internationalen Befragung des Portals Medscape aus dem Jahr 2019 gab ein Viertel der 600 befragten ÄrztInnen aus Deutschland an, an einer Depression zu leiden. 12 Prozent leiden nach eigenen Angaben an einem Burnout. Gründe hierfür sind vor allem der große bürokratische Aufwand sowie das Gefühl, dass Profit mittlerweile wichtiger ist als das Wohl der PatientInnen. 

Titelbild: iStock.com/aetb

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Amely Schneider

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