Arzt ist nicht gleich Arzt

Welche Facharztrichtung passt zu mir?

Arzt ist nicht gleich Arzt, wie eine Studie zeigt
doctari Redaktion | 19.4.2026 | Lesedauer: 6 Minuten

Chirurgen gelten als schwer verträglich, Radiologen verdienen am meisten: Bei der Wahl der Fachrichtung sollte einiges beachtet werden. Wir verraten was.

In Deutschland gibt es mehr als 50 Facharzttitel; am häufigsten werden Innere Medizin, Allgemeinmedizin und Anästhesiologie gewählt. Neben Interesse am Fach und Gehalt spielt die eigene Persönlichkeit eine Rolle: Laut einer Studie der Universität Heidelberg (747 befragte Ärztinnen und Ärzte) unterscheiden sich Fachrichtungen signifikant in Verträglichkeit und Offenheit für Neues – Chirurginnen und Chirurgen etwa zeigen die niedrigsten Verträglichkeitswerte, Psychiaterinnen und Psychiater die höchste Offenheit für Neues. Rund jede fünfte Ärztin bzw. jeder fünfte Arzt wechselt mindestens einmal während der Weiterbildung das Fachgebiet.

Arzt ist nicht gleich Arzt. Innere Medizin, Kinderheilkunde, Allgemeinmedizin oder vielleicht doch die prestigeträchtige Chirurgie? In Deutschland gibt es mehr als 50 Facharzttitel, dennoch entscheiden sich die meisten Berufsanfänger und -anfängerinnen für eines der zehn bekanntesten medizinischen Fachgebiete wie Innere oder Orthopädie. Im Jahr 2025 haben laut Ärztestatistik der Bundesärztekammer insgesamt 16.195 Ärztinnen und Ärzte einen Facharzttitel erworben – mehr als im Vorjahr (2024: 15.378). Innere Medizin, Allgemeinmedizin und Anästhesiologie werden dabei traditionell am häufigsten gewählt, mit jeweils über 1.000 neuen Facharztanerkennungen pro Jahr, während Fächer wie Physiologie, Anatomie oder Biochemie im selben Zeitraum nur einstellige Zahlen an neuen Facharzttiteln verzeichnen.

Bei der Gesamtanzahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte führt weiterhin das Fachgebiet Innere Medizin (rund 63.000 Ärztinnen und Ärzte, 2024) vor Allgemeinmedizin und Chirurgie, gefolgt von Anästhesiologie und Frauenheilkunde. Zusammen stellen Innere Medizin, Allgemeinmedizin und Chirurgie mehr als ein Drittel aller berufstätigen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Weniger gefragt sind etwa medizinische Fachgebiete wie Humangenetik, Laboratoriumsmedizin, klinische Pharmakologie, Rechtsmedizin und Anatomie.

Doch wie entscheidet man sich als junge Assistenzärztin oder junger Assistenzarzt für eine Fachrichtung? Worauf sollte man achten? Neben Gehalt und Interesse am Fach sollten junge MedizinerInnen vor der Wahl ihrer Fachrichtung eigene Persönlichkeitsmerkmale kennen und berücksichtigen.

Die richtige Facharztrichtung finden

Der erste Schritt bei der Suche nach dem geeigneten medizinischen Fachbereich ist es, sich einen Überblick über das Angebot an Weiterbildungsmöglichkeiten nach dem Studienabschluss zu verschaffen. Hier empfiehlt sich ein Blick in die aktuelle Muster-Weiterbildungsordnung (MWBO) der Bundesärztekammer. Darin finden sich die Inhalte aller verfügbaren fachärztlichen Weiterbildungen sowie der dafür vorgesehene Zeitrahmen kompakt dargestellt.

Eine gute Informationsquelle sind außerdem Kolleginnen und Kollegen, die bereits im angestrebten Fachgebiet tätig sind. Es lohnt sich, diese direkt anzusprechen und nach ihren Erfahrungen zu fragen. So lassen sich Missverständnisse über berufliche Anforderungen und Verdienstmöglichkeiten schon im Vorfeld ausräumen und wertvolle Einblicke in den tatsächlichen Berufsalltag gewinnen.

Ein weiterer Aspekt bei der Wahl der Fachrichtung ist die voraussichtliche Dauer der Weiterbildung. Vor allem für jene, die den Facharzttitel so schnell wie möglich in der Tasche haben möchten, sind die Unterschiede relevant: Die kürzeste Weiterbildungszeit beträgt im besten Fall vier, die längste sechs Jahre. Dies sollte mit der persönlichen Lebenssituation abgeglichen werden, um Überforderung und daraus resultierende Unzufriedenheit mit der Berufswahl zu vermeiden.

Welche Fachrichtung passt zu meiner Persönlichkeit?

Haben Chirurgen eine bestimmte Persönlichkeit? Welchen Charakter hat eine Psychologin? Es gibt viele Klischees, wenn es um darum geht, Ärztinnen und Ärzte in Schubladen zu stecken. Doch was davon ist wahr? In mehreren Studien konnte bereits gezeigt werden, dass ÄrztInnen sich hinsichtlich ihrer Persönlichkeit signifikant von der Allgemeinbevölkerung unterscheiden. Doch unterscheiden sich auch die Persönlichkeiten von Facharztrichtung zu Facharztrichtung?

Studie: Welche Persönlichkeitsmerkmale haben Ärztinnen und Ärzte?

Um ein möglichst umfassendes und aussagekräftiges Ergebnis zu erhalten, wurde an der Universität Heidelberg von der Psychologin Annika Lante eine entsprechende Studie durchgeführt. Dabei wurden 747 Ärzte (vom Assistenzarzt bis zum Chefarzt) aus Kliniken in ganz Deutschland mittels eines Online-Fragebogens befragt*.

Der Gruppenvergleich belegt empirisch: Arzt ist nicht gleich Arzt. In Bezug auf die „Big 5“ können bei zwei Eigenschaften signifikante Unterschiede beobachtet werden: bei Verträglichkeit, die sich dadurch auszeichnet, dass eine Person immer höflich und zuvorkommend ist und sich für andere einsetzt sowie bei Offenheit für Neues. Die niedrigsten Verträglichkeitswerte weisen Chirurgen auf und unterscheiden sich damit signifikant von Internisten, Pädiatern und Psychiatern. Vor allem FachärztInnen für Kinderheilkunde und für Psychiatrie haben laut der Studie eine sehr hohe Verträglichkeit.

Wie verträglich sind Ärztinnen und Ärzte einer bestimmten Fachrichtung?

Bei der Variablen Offenheit für Neues haben Psychiater und Psychiaterinnen den höchsten Wert und grenzen sich damit signifikant von HNO-FachärztInnen, InternistInnen und ChirurgInnen ab. Den geringsten Wert beim Thema Offenheit für Neues haben laut der Studie GynäkologInnen.

Die Studienergebnisse zeigen, welche Fachärztinnen und Fachärzte besonders offen für Neues sind

Die Zufriedenheit als Arzt mit der richtigen Stelle steigern

Einer von fünf Ärzten wechselt mindestens einmal im Laufe seiner Ausbildung das Fachgebiet. Das deutet darauf hin, dass falsche Vorstellungen über die Fachbereich und die damit verbundene tatsächliche Arbeit existieren oder sich die Interessen während der Ausbildung ändern. Wie wichtig so ein Wechsel für die Zufriedenheit der Ärztinnen und Ärzte ist, zeigt eine andere Zahl: 19 Prozent aller ÄrztInnen, die ihr Fachgebiet nicht gewechselt haben, geben an, dass sie dieses nicht erneut wählen würden.

Umso wichtiger ist es für alle jungen Medizinerinnen und Mediziner, sich mit Bedacht und nach sorgfältiger Abwägung für eine Spezialisierung zu entscheiden. Ein ausgeprägtes Interesse am Fach ist wohl eines der wichtigsten Entscheidungskriterien für die fachärztliche Weiterbildung. Mindestens ebenso relevant sind die eigene Persönlichkeit und die Erwartungen an das künftige Arbeitsleben. Es hilft, sich vor der Entscheidung für eine bestimmte Fachrichtung zu fragen, was die Ausübung des Berufes konkret von einem verlangt, etwa:

  • Bin ich ausreichend stressresistent?
  • Fühle ich mich körperlich und mental fit genug für lange Dienste bei (teilweise) hoher Belastung?
  • Bin ich bereit, regelmäßige Nacht-, Schicht- und Wechseldienste zu leisten?
  • Fällt mir die Kommunikation mit Patientinnen und Patienten und Angehörigen leicht?
  • Kann ich auch in sehr belastenden Situationen gute Entscheidungen für den Patienten, die Patientin treffen?

Wer diese Fragen überwiegend mit „Nein” beantwortet, ist in so manchem klinischen Fach nicht gut aufgehoben. Das ist jedoch kein Hindernis für eine fachärztliche Karriere. Schließlich bietet die breite Auswahl an Facharztfächern auch solche an, bei denen man oben genannt Punkte nicht zu 100 Prozent erfüllen muss.

Glücklich als Facharzt: Wo will ich beruflich alt werden?

Beabsichtigen junge Medizinerinnen und Mediziner, sich weiter von Krankenhäusern zu entfernen, kann Forschung und Lehre in nicht-klinischen Fächern wie z. B. Physiologie eine Alternative sein. Sehen die Ärztinnen und Ärzte sich eher in der Verwaltung oder in der pharmazeutischen Industrie, bieten sich z. B. Biochemie, Hygiene und Umweltmedizin oder Öffentliches Gesundheitswesen als naheliegende Weiterbildungsmöglichkeiten an.

Manche Fachrichtungen können in Praxen ausgeübt werden. Andere Facharztrichtungen wie z. B. die Herzchirurgie hingegen werden ausschließlich in Kliniken praktiziert, wo in den meisten Fällen in Schichten gearbeitet wird. Ein Arbeitsalltag mit Wochenenddiensten und Nachtschichten hat wiederum Auswirkungen auf die Work-Life-Balance.

Ziele, Lebensumstände oder Interessen können sich im Laufe der Facharztausbildung ändern. Daher sollten Ärztinnen und Ärzte sich vor, aber auch während der Facharztausbildung die Frage stellen, wo sie längerfristig arbeiten möchten: in einer Klinik oder in einer Praxis? Der prägnanteste Unterschied zwischen beiden Modellen sind die Arbeitszeiten.

Gehalt: Welcher Facharzt verdient wie viel?

Letztlich sind auch Verdienstchancen im angestrebten Fach ein wesentliches Kriterium für die Wahl der Weiterbildungsrichtung. Innerhalb des ärztlichen Spektrums gibt es teils bedeutende Unterschiede. So erzielen etwa Fachärzte und Fachärztinnen in der Radiologie, der Strahlentherapie und der Augenheilkunde Topverdienste, während Allgemeinmediziner am unteren Ende der ärztlichen Einkommensskala rangieren.

Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) erzielten Arztpraxen in Deutschland 2023 im Schnitt Einnahmen von 804.000 Euro und einen Reinertrag von 310.000 Euro je Praxis – bei einer Hälfte der Praxen lag der Reinertrag jedoch bei höchstens 219.000 Euro (Median), da einzelne besonders einnahmestarke Praxen den Durchschnitt nach oben ziehen. Radiologische Praxen liegen dabei mit deutlichem Abstand an der Spitze aller Fachgebiete.

Zuletzt sei erwähnt, dass durch das weite Spektrum an medizinischen Fachrichtungen eine Entscheidung nicht in Stein gemeißelt sein muss. Ein Wechsel während der Weiterbildung ist zu jeder Zeit möglich. Wer dies plant, hat gemäß der Weiterbildungsordnung die Möglichkeit, bereits absolvierte Ausbildungsteile auf ihre Anrechenbarkeit für andere Fachrichtungen zu überprüfen.

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