Interdisziplinäre Teams

Teamplay im Krankenhaus: So wird Vielfalt zur Stärke

Ein interdisziplinäres Team aus Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften sitzt an einem Tisch.
Amely Schneider | 5.10.2023 | Lesedauer: 3 Minuten

Interdisziplinäre Teams im Gesundheitswesen verbessern die ganzheitliche Versorgung der PatientInnen. Wie gelingt eine gute Zusammenarbeit?

Nach einem Schlaganfall müssen die Betroffenen schnell und umfassend versorgt werden. In zertifizierten Schlaganfalleinrichtungen, auch „Stroke Units“ genannt, arbeiten beispielsweise viele verschiedene Fachärztinnen, Fachärzte und Pflegekräfte in interdisziplinären Teams zusammen. In ein solches interdisziplinäres Team gehören neben NeurologInnen und KardiologInnen, auch RadiologInnen oder GefäßchirurgInnen. Zudem arbeiten in so einer Einheit auch PhysiotherapeutInnen und sogenannte „Stroke Nurses“, also Pflegekräfte, die speziell für die Betreuung von SchlaganfallpatientInnen qualifiziert sind. Sie helfen den Betroffenen nach einem Schlaganfall unter anderem dabei, ihre Muskelspannung und Bewegungsfunktionen wieder kontrollieren zu können.

Die Stroke Units sind ein Beispiel von vielen, das die Stärke von interdisziplinären Teams in der medizinischen Versorgung zeigt. Auch bei der Diagnose und Behandlung von chronischen Schmerzen arbeiten MedizinerInnen und TherapeutInnen unterschiedlicher Fachrichtungen eng zusammen, um hinter die Ursachen der Beschwerden zu kommen und sie zu lindern. So findet man in Schmerzzentren etwa NeurologInnen, OrthopädInnen, PsychotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen und PhysiotherapeutInnen unter einem Dach.

Mehrere medizinische Fachkräfte stehen im Kreis und klatschen ab

Teamwork im Krankenhausalltag bringt viele Vorteile.

Ganzheitlicher Blick auf die Symptome der PatientInnen

Die Stärke interdisziplinärer Teams liegt in der Vielfalt der Expertise. Die einzelnen Mitglieder arbeiten nicht jedes für sich isoliert, sondern von Anfang an gemeinsam an einem Krankheitsfall. Das ermöglicht es, die PatientInnen ganzheitlich und aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, und so Verbindungen zwischen Symptomen zu erkennen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Dadurch können multimodale Behandlungsprogramme entwickelt werden, die alle Aspekte der Gesundheit der PatientInnen berücksichtigen. Psychiater Marcel von Rauchhaupt etwa arbeitet bei der Behandlung von psychisch Kranken mit multimodalen Teams „… mit Ergotherapeuten, Musiktherapeuten, Kunsttherapeuten, Psychotherapeuten, dem gesamten Pflegeteam, der kompletten Ärzteschaft“, wie er sagt. In einer Zeit, in der Krankheitsbilder immer komplexer werden, ist das ein großer Vorteil.

Auch in vielen anderen Branchen zeigt sich die Stärke von interdisziplinären Teams, wenn es darum geht, komplexe Probleme zu lösen. Im Bereich Umweltschutz und Nachhaltigkeit arbeiten WissenschaftlerInnen, IngenieurInnen, PolitikerInnen und SozialwissenschaftlerInnen zusammen. In der Wissenschaft erforschen AstrophysikerInnen, MathematikerInnen und InformatikerInnen gemeinsam das Universum. Und zuletzt hat auch die Pandemie gezeigt, dass es im Krisenmanagement einer engen Zusammenarbeit zwischen Politik, Katastrophenschutz und Gesundheitswesen bedarf.

Zusammenarbeit mit neuen Gesundheitsfachberufen im Klinikalltag

Im Gesundheitswesen zwingt der Fachkräftemangel außerdem dazu, Ressourcen besser zu organisieren und effektiver zu nutzen. In der Diskussion über interdisziplinäre Teams im Krankenhaus geht es auch häufig darum, ob ÄrztInnen und Pflegekräfte in Zukunft stärker mit Vertretern neuer Gesundheitsfachberufe kooperieren. Ein Beispiel sind die Physician Assistants (PA), die es in den USA schon länger gibt. Die Arztassistenten haben studiert, sind aber keine MedizinerInnen. Sie unterstützen und entlasten die Teams bei medizinischen und administrativen Aufgaben.

Studierende der Medizin sitzen während einer Vorlesung an einem Tisch und hören zu.

Junge MedizinerInnen wünschen sich mehr Teamwork im Krankenhaus.

Junge MedizinerInnen im Krankenhaus wollen stärker im Team arbeiten

Umfragen zeigen, dass sich junge Ärztinnen, Ärzte sowie Medizinstudierende mehr Zusammenarbeit, Arbeitsteilung und Kooperation im Krankenhaus wünschen. Viele von ihnen beklagen jedoch, dass es dazu in der Praxis noch zu wenige Konzepte und Strukturen gebe. Oft verhinderten traditionelle Hierarchien, dass diese entstehen. 

Damit Teamarbeit funktioniert, bedarf es einer Offenheit, sich „auf Augenhöhe“ zuzuhören, über Fachgrenzen hinwegzudenken und ein Verständnis für die Kompetenzen der anderen zu entwickeln. Es geht darum, sich nicht nur für den eigenen Bereich einzusetzen, sondern immer auch das große Ganze mitzudenken. Es gilt, Grabenkämpfe zwischen Pflege und Medizin zu überwinden sowie persönliche Eitelkeiten hinter sich zu lassen.

5 Tipps für klare Kommunikation im Krankenhaus-Alltag

  • Kommunikation im Team ist leichter, wenn sie in den alltäglichen Strukturen fest verankert ist – etwa durch feste Termine für Teambesprechungen.
  • Bei Teamgesprächen kann es der Atmosphäre zu Gute kommen, Anliegen aus der „Ich-Perspektive zu formulieren („Mir ist wichtig, dass ...“), statt sich in Du-Botschaften („Du musst, ihr müsst ...“) auszudrücken.
  • Beschwerden und Kritik sind handlungsorientierter, wenn man sie in konkrete Bitten übersetzt. Statt „Ich hätte gerne mehr Information“, besser „Könnten wir uns jeden Montagmorgen kurz austauschen?“.
  • Besteht über etwas im Arbeitsalltag Uneinigkeit, sollte klar sein, wer den Entscheidungsprozess moderiert oder im Zweifel eine Entscheidung trifft.
  • Verallgemeinernde Begriffe, die die Kommunikation verwässern, am besten verhindern („mitunter“, „eventuell“). 

Übrigens: Arbeiten Menschen verschiedener Fachrichtungen zusammen, fördert das langfristig eine klare Kommunikation. Die Teammitglieder unterschiedlicher Disziplinen werden sich im Austausch über mögliche Missverständnisse bewusster. Mit der Zeit entwickeln sie eine gemeinsame Sprache.

Titelbild: iStock.com/BraunS

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Amely Schneider

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