Sabbaticals

Kleine Auszeiten vom Klinikalltag

Amely Schneider | Lesedauer: 5 Minuten

Mehr Erholung, ohne den Beruf aufzugeben: Warum Mini-Sabbaticals nicht nur in Tech, sondern auch für ÄrztInnen im Krankenhaus eine spannende Option sind.

Mini-Sabbaticals bieten Ärztinnen und Ärzten im Krankenhaus eine flexible Möglichkeit, sich ohne dauerhaften Jobverlust zu erholen. Das Modell fördert die mentale Gesundheit, beugt Burnout vor und steigert die langfristige Mitarbeiterzufriedenheit in der Medizin.

 Mehr Erholung ohne den Beruf aufgeben zu müssen – das wünschen sich viele ÄrztInnen. Warum Mini-Sabbaticals nicht nur für die Tech-Branche, sondern auch für Mitarbeitende im Krankenhaus eine spannende Idee sein könnten, zeigen wir hier.

Vier Wochen lang einfach raus. Kein Dienstplan, keine Patientenakten, keine Entscheidung über Leben und Tod. Was für die meisten ÄrztInnen ganz unmöglich erscheint, ist bei der privaten Notfallmedizin-Gruppe Emergency Care Specialists (ECS) im US-Bundesstaat Michigan Realität. Beschäftigte bekommen dort regelmäßig einen Monat bezahlte Auszeit. Die Mini-Sabbaticals sollen verbeugen, dass die ÄrztInnen ausbrennen und so die Zahl der Abwanderungen senken, die aufgrund der großen Belastung unter NotfallmedizinerInnen besonders hoch ist. 

Eine ungewöhnliche Idee, die im Gesundheitswesen eigentlich nicht vorkommt, in der Kreativ- und Tech-Branche aber bereits recht verbreitet ist. Dort versteht man unter dem Begriff „Time Slicing“ ein Modell, bei dem die Arbeitszeit in klar abgegrenzte Blöcke („Slices“) aufgeteilt wird. Mitarbeitende wechseln bewusst zwischen intensiven Arbeitsphasen und längeren Erholungs- oder Projektpausen.

Mini-Sabbaticals sind in der Tech-Branche längst etabliert  

So bietet der US-Chiphersteller Intel seinen Beschäftigten beispielsweise an, nach vier Jahren vier Wochen oder nach sieben Jahren acht Wochen bezahlte Auszeit zu nehmen. Sie sollen auf diesem Weg ihre mentalen Batterien aufladen, ohne Lücken im Lebenslauf zu riskieren. Dabei ist ausdrücklich erwünscht, dass sie in dieser Zeit Neues ausprobieren, reisen, sich ehrenamtlich engagieren oder Zeit mit Familie und Freunden verbringen. So sollen sie hinterher mit neuer Energie und frischen Perspektiven an den Arbeitsplatz zurückkehren, heißt es auf der Website des Unternehmens.

Für einen deutschen Klinikbetrieb erscheint das kaum vorstellbar. Auszeiten werden in erster Linie als Verlust von Arbeitskraft betrachtet. Wenn ein Arzt oder eine Ärztin vier Wochen aussteigt, muss jemand diese Arbeit übernehmen. Gerade in Krankenhäusern, in denen Dienstpläne auch ohne Sabbaticals kaum aufgehen, klingt das nach absolutem Luxus.

Doch vielleicht ist das zu kurz gedacht. Denn was passiert langfristig, wenn hoch qualifizierte MedizinerInnen aufgrund der hohen Belastungen die Klinik verlassen, ihre Stunden dauerhaft reduzieren, ganz aussteigen oder früher in Rente gehen?

Hohe Belastung im Krankenhaus treibt viele ÄrztInnen an ihre Grenzen

Viele ÄrztInnen empfinden ihren Arbeitsalltag als dauerhaft enorm anstrengend. Laut dem MB-Monitor 2024 des Marburger Bundes fühlt sich fast die Hälfte von bundesweit befragten 9.649 angestellten ÄrztInnen häufig überlastet. Elf Prozent geben sogar an, ständig über ihre Grenzen zu gehen. Mehr als ein Viertel denkt darüber nach, den Beruf zu wechseln. Nur zwei Prozent berichten, bei ihrer Arbeit keinen Stress zu empfinden. In einer Studie unter jungen deutschen ÄrztInnen sagt jeder Zehnte, bereits mit dem Gedanken zu spielen, die klinische Tätigkeit aufgrund der hohen Belastung aufzugeben.

In den letzten Jahren ist zudem die Teilzeitquote unter angestellten ÄrztInnen deutlich gestiegen. Waren es 2013 noch 15 Prozent, arbeiten mittlerweile 36 Prozent mit Teilzeitvertrag. Gründe sind die hohe Arbeitsbelastung, lange Dienste und Überstunden, die viele an ihre Belastungsgrenzen führen, außerdem die schwierige Vereinbarkeit von Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen. Gerade die jüngere Generation legt zunehmend Wert auf eine bessere Work-Life-Balance und weniger starre Arbeitsmodelle.

Hier könnte es durchaus sinnvoll sein, über neue Wege nachzudenken. Kann man ÄrztInnen womöglich länger im Beruf halten, indem man ihnen regelmäßig längere Auszeiten ermöglicht?

Warum ein normaler Urlaub oft nicht zur Erholung führt  

Erfolgreiche medizinische Karrieren sind traditionell eigentlich eine ununterbrochene Vollzeitstrecke. Studium, Assistenzzeit, Facharzt, vielleicht Oberarzt. Dazwischen Wochenenden und Urlaub – zwei Wochen im Sommer, eine Woche im Winter, Schichten an Feiertagen, Weihnachten oder Silvester. Vielen ÄrztInnen gelingt es nicht, sich in der kurzen freien Zeit von den Belastungen des Klinikalltags wirklich zu erholen.

Die Klinik zu verlassen, bedeutet für viele noch lange nicht, dass sie auch Feierabend haben. Oft ist es alles andere als leicht, in den Erholungszeiten wirklich abzuschalten. Eine Studie im Fachjournal JAMA Network Open befragte mehr als 3.000 ÄrztInnen in den USA. 70 Prozent arbeiteten auch an freien Tagen und im Urlaub weiter. Sie beantworteten E-Mails oder Telefonate aus der Klinik oder erledigten andere berufliche Aufgaben. Ein Drittel verbrachte an einem typischen Urlaubstag mindestens 30 Minuten damit.

Psychologische Distanz ist wichtig für langfristige Gesundheit

Entscheidend für einen Erholungseffekt ist jedoch, dass das Gehirn richtig von der Arbeit abschalten kann. Arbeitspsychologen nennen das psychologische Distanz. Erholung tritt vor allem dann ein, wenn die Arbeit auch gedanklich verschwindet. Manchen gelingt das schon an einem verlängerten Wochenende auf dem Sofa, anderen auch nach zwei Wochen Strandurlaub nicht.

Vor dem Urlaub müssen Stationen übergeben werden, nach dem Urlaub wartet ein voller Schreibtisch. Dazwischen bleiben vielleicht belastende Patientenschicksale im Kopf. Ein oder zwei Wochen Urlaub können chronische Belastung dann oft nicht ausgleichen. Im Gegenteil: Nach der Rückkehr wird die eigene Erschöpfung manchmal erst richtig spürbar. Der Kontrast zwischen der Ruhe im Urlaub und dem anstrengenden Klinikalltag macht deutlich, wie erschöpft viele bereits sind. Und selbst wenn der Urlaub zunächst hilft, verschwindet dieser Effekt im Arbeitsalltag manchmal schon nach wenigen Tagen.

Wie Sabbaticals schon jetzt in der Medizin funktionieren können

Was in klassischen Klinikstrukturen schwer umsetzbar erscheint, lässt sich über befristete Arbeitseinsätze, wie sie doctari anbietet, organisieren. Intensivere Arbeitsphasen können hier bewusst mit längeren Auszeiten kombiniert werden. ÄrztInnen können die Anzahl und Dauer ihrer Arbeitsphasen selbst bestimmen und so zum Beispiel nach mehreren Einsätzen ein vierwöchiges Sabbatical einlegen. So entsteht eine Phase, in der sich erschöpfte Ressourcen, Energie, Motivation und Gesundheit wieder aufbauen können. Zeit für Reisen, Forschung, humanitäre Einsätze oder intensiver Zeit mit der Familie, die den entscheidenden gedanklichen Abstand schafft, um Burnout vorzubeugen und die Leistungsfähigkeit dauerhaft zu erhalten. Auf diesem Weg können Mini-Sabbaticals auch in der Medizin bereits Bestandteil moderner Berufsbiografien werden. 

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Amely Schneider

Unsere Autorin Amely Schneider

Amely Schneider ist eine erfahrene Redakteurin und Journalistin. Sie schreibt am liebsten über wissenschaftliche Themen und alles rund um den Bereich Well-Beeing.

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