Flexible Arbeitsmodelle im Gesundheitswesen sollen Beschäftigten mehr Planbarkeit und Mitbestimmung ermöglichen. Dazu gehören Wunschdienstpläne, Teilzeit, Vier-Tage-Woche, feste Schichten, Jobsharing sowie Pool- und Springermodelle. Sie können Stress reduzieren, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern und Fachkräfte langfristig im Beruf halten. Gleichzeitig bringen manche Modelle Herausforderungen wie höhere Belastung, geringeres Einkommen oder organisatorischen Abstimmungsaufwand mit sich.
Schichtdienste und Personalmangel machen es Beschäftigten im Gesundheitswesen schwer, Beruf und Privatleben auszubalancieren. Doch es gibt Arbeitsmodelle, die mehr Planbarkeit und Mitbestimmung ermöglichen. Was sind die Vor- und Nachteile?
Ein kurzer Blick auf den neuen Dienstplan und schon beginnt der Stress. Wer fährt die Kinder in die Kita und zur Schule? Wer holt sie ab? Wer bringt sie ins Bett? Und kaum ist alles geregelt, kommt doch wieder ein Anruf: Jemand ist krank, ein Dienst muss übernommen werden. Nochmal alles neu. Beschäftigte im Gesundheitswesen kennen diese Situation. Wer zwischen Früh- und Spätschichten, Bereitschaftsdienst und Notfällen den Familienalltag jongliert, plant ständig um.
Ohne Schichtarbeit geht es im Krankenhaus nicht. Das System, in dem Kinder leben, folgt jedoch anderen Regeln. Kitas öffnen morgens und schließen am Nachmittag, nicht alle bieten Betreuung in den frühen Morgenstunden. Wochenenden sind betreuungsfrei. Nachtdienste und Spätschichten passen da schwer hinein. Dazu kommt die hohe emotionale Belastung. Wer im Krankenhaus arbeitet, erlebt täglich herausfordernde Situationen, Krankheit, Schmerz und Tod. Eindrücke, die nach Feierabend manchmal schwer abzustreifen sind, wenn gleichzeitig die Familie alle Aufmerksamkeit braucht.
Wunschdienstpläne: Mehr Mitbestimmung über das eigene Leben
Wunschdienstpläne sollen Beschäftigten im Gesundheitswesen mehr Mitspracherecht einräumen. Manche Krankenhäuser nutzen dafür eine eigene App, in die Mitarbeitende ihre Wünsche eintragen, selbstständig miteinander chatten und Dienste tauschen können. Die Patientensicherheit muss dabei stets Priorität haben. Wunschdienstpläne müssen Mindestpersonaluntergrenzen und eine ausreichende Besetzung auf den Stationen gewährleisten. Damit sie funktionieren, müssen sie klaren Richtlinien folgen.
Das zeigt auch eine britische Studie aus dem Bristol Royal Hospital for Children. Nach der Einführung von Wunschdienstplänen – zunächst als Pilotprojekt mit AssistenzärztInnen – berichteten die Mitarbeitenden über ein besseres Wohlbefinden, effektivere Erholungszeiten und mehr Raum für Weiterbildung. Alle wollten das System beibehalten. Ganz reibungslos verlief die Umstellung allerdings nicht. Vor allem zu Beginn gab es aus Sorge vor mehr Aufwand oder Kontrollverlust auch Widerstände. Transparente und intensive Kommunikation sei nötig gewesen, damit sich das neue System einspielen konnte, berichten die Forscher.
alle Wünsche im Dienstplan unterzubringen ist komplex
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Teilzeitmodelle: Ein Trend, der weiterhin anhält
Immer mehr angestellte ÄrztInnen sind in Teilzeit tätig. Was früher Ausnahme war, ist heute Normalität. Laut Zahlen des Marburger Bund es arbeitet inzwischen mehr als jeder Dritte (36 Prozent) mit verringerter Arbeitszeit. Im Jahr 2013 waren es noch 15 Prozent. Auch bei den Pflegekräften ist der Anteil hoch. 63 Prozent der Frauen und 42 Prozent der Männer gehen einer Teilzeitbeschäftigung nach.
Teilzeitarbeit ermöglicht eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Für viele bedeutet sie weniger Stress und langfristig mehr Zufriedenheit im Beruf. Kliniken können dadurch Fachkräfte halten, die andernfalls vielleicht aus dem Beruf ausscheiden würden. Andererseits ist Teilzeit auch mit weniger Einkommen und geringeren Rentenansprüchen verbunden. Die Karriere kann ins Stocken geraten, die Chancen auf eine Führungsposition sinken. Zudem besteht die Gefahr, formal in Teilzeit zu arbeiten, aufgrund von Überstunden und Arbeitsverdichtung jedoch am Ende viel mehr zu leisten.
Die Vier-Tage-Woche: Pilotprojekt in der Pflege bringt gute Ergebnisse
Als eines der ersten Krankenhäuser hat das Klinikum Bielefeld im Sommer 2023 ein Pilotprojekt zur Vier-Tage-Woche für Mitarbeitende in der Pflege gestartet. Vollzeitkräfte arbeiten dort vier längere Schichten pro Woche ohne Gehaltseinbußen. Auch der Urlaubsanspruch bleibt gleich. Nach einer Pilotphase wurde das Projekt auf weitere Stationen ausgeweitet.
Die Mitarbeitenden berichteten über weniger Stress und mehr Verlässlichkeit bei der Dienstplanung. Die erhöhte Stundenzahl pro Tag sei zwar für viele gewöhnungsbedürftig gewesen, die dadurch entstehenden freien Tage jedoch überwiegend positiv wahrgenommen worden, berichtet die Klinik. Damit ist die Vier-Tage-Woche zwar kein Allheilmittel – aber ein möglicher Baustein, um Pflegearbeit attraktiver zu machen.
Feste Früh- und Nachtdienste: Wenn Schichtarbeit planbar wird
Regelmäßige Arbeitszeiten im Krankenhaus sind eher die Ausnahme. Doch in einer Branche, die seit Jahren unter Personalmangel leidet, geraten starre Modelle in Bewegung. Für Beschäftigte mit Kindern, die nur bis zum Nachmittag betreut sind, kommen manchmal nur Frühdienste infrage. Manche Kliniken ermöglichen das.
Auch feste Stellen, die ausschließlich Nachtdienste vorsehen („Dauernachtwache“), werden an einigen Kliniken angeboten. Auf den ersten Blick ist das für manche Menschen attraktiv, da sie hier dem hektischen Tagesdienst entgehen. Doch die Arbeit in der Nacht hat auch Nachteile. Der Körper kann aus dem Takt geraten, es kommt vielleicht zu Schlafstörungen. Zudem schläft man am Tag, während die meisten anderen Menschen aktiv sind und ihrem Alltag nachgehen. Soziale Kontakte zu pflegen wird dadurch schwerer.
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Jobsharing: Verantwortung teilen, Vereinbarkeit verbessern
Beim Jobsharing teilen sich zwei Mitarbeitende eine Stelle. Das Modell ist in Krankenhäusern bisher noch wenig verbreitet, gewinnt jedoch an Bedeutung. Übernehmen etwa zwei Führungskräfte eine Leitungsposition („Topsharing“), tragen sie gemeinsam die Verantwortung für alle Entscheidungen, können sich organisatorische Aufgaben aufteilen und sich je nach medizinischer Fachrichtung sinnvoll ergänzen.
Ein weiterer Vorteil: Auch wenn einer der beiden Urlaub hat oder krankheitsbedingt ausfällt, ist trotzdem stets ein Oberarzt verfügbar. Entscheidend, damit es funktioniert, ist die Chemie zwischen den beiden Führungskräften. Es braucht gegenseitiges Vertrauen, partnerschaftlichen Umgang und enge Abstimmungen.
Flexible Pool- oder Springermodelle: Abwechslung mit hohen Anforderungen
„Springer“ gehören zu den stillen Stabilisatoren des Klinikalltags. Dort, wo Personal fehlt oder Stationen kurzfristig verstärkt werden müssen, treten sie auf den Plan. In Poolmodellen werden „Springer“ in einer zentral organisierten Personaleinheit gebündelt, aus der heraus sie je nach Bedarf eingeplant oder kurzfristig eingesetzt werden können. Manchmal sind sie fest angestellt, erhalten strukturierte Einarbeitungen für mehrere Stationen und können ihre Einsatzzeiten mitgestalten.
Als „Springer“ zu arbeiten ist einerseits abwechslungsreich. Die ständige Rotation zwischen den Stationen bedeutet aber auch, dass man sich immer wieder neu in Teams, Abläufe und Patientensituationen einarbeiten muss. Dies erfordert eine hohe Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Arbeitsweisen und wechselnde Erwartungen.
Zeitarbeit: Mehr Selbstbestimmung bei Arbeitszeit und Einsatzort
Neben Klinikmodellen gewinnen auch externe Vermittlungsplattformen wie doctari an Bedeutung. Sie bringen Fachpersonal und Krankenhäuser zusammen, entlasten, indem sie nicht nur Einsätze vermitteln, sondern auch die Organisation rund um Verträge und Abrechnungen übernehmen. Fachkräfte können bestimmen, wann, wo und wie lange sie arbeiten wollen. Das ermöglicht die gezielte Planung von Arbeitsphasen und freien Zeiten, eröffnet mehr Selbstbestimmung und die Chance, den Beruf gezielt an die Bedürfnisse des Familienlebens anzupassen.
Erwartungen der kommenden ÄrztInnen-Generation
Flexible Arbeitsmodelle stärken zukünftig die Position eines Krankenhauses auf dem Arbeitsmarkt. Forscher befragten kürzlich 591 Medizin-Studierende der Ludwig-Maximilians-Universität München im ersten Semester zu ihren Erwartungen in ihrem späteren Beruf. Die kommende Ärztegeneration macht sich am meisten Sorgen um ihre zukünftige Work-Life-Balance und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Viele hoffen auf bessere Arbeitsbedingungen und dass sich das System bis zu ihrem Berufseinstieg verbessert.
Titelbild: istock.com/jacoblund
Angehende ÄrztInnen rechnen meist nicht mit einem 9-to-5-Job. Oft zurecht, manchmal zu unrecht. Denn es gibt Fachrichtungen mit familienfreundlichen Arbeitszeiten. Welche, verraten wir hier.
