Der 11. Februar markiert jedes Jahr als Tag des Notrufs die europaweit einheitliche Notrufnummer 112. Für Fachkreise und Mitarbeitende aus dem Gesundheitswesen ist dieser Aktionstag weniger symbolisch als analytisch relevant: Er lenkt den Blick auf die Leistungsfähigkeit der Leitstellen als zentrale Schnittstelle zwischen Bevölkerung, Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei.
Eine Nummer für Notfälle
Der Notruf 112 entstand in Deutschland aus der Erkenntnis, dass schnelle Hilfe nur mit einer einheitlichen und jederzeit erreichbaren Telefonnummer funktioniert. In den 1950er-Jahren gibt es noch keinen zentralen Notruf. Feuerwehr und Rettungsdienste sind lokal organisiert und nur über unterschiedliche Telefonnummern erreichbar. Wer Hilfe braucht, muss wissen, welche Wache zuständig ist. In akuten Notlagen kostet diese Unübersichtlichkeit wertvolle Zeit. Verletzte werden häufig von Zufallshelfern versorgt, Transporte erfolgen improvisiert, häufig mit Privatfahrzeugen. Krankenhäuser sind zwar Behandlungsorte, aber nicht Teil einer strukturierten Rettungskette. Eine präklinische Medizin im heutigen Sinne existiert nicht, entsprechend hoch liegen Mortalität und bleibende Schäden nach Trauma, Myokardinfarkt oder Schlaganfall.
Mit der zunehmenden Motorisierung nach dem Zweiten Weltkrieg verschärft sich das Problem weiter. Die steigende Verkehrsdichte führte zu einer deutlichen Zunahme schwerer Unfälle, insbesondere mit Polytraumata. Die Zahl schwerer Verkehrsunfälle steigt, MedizinerInnen erkennen immer deutlicher, dass nicht allein die chirurgische oder intensivmedizinische Versorgung in der Klinik über Leben und Tod entscheidet, sondern die ersten Minuten nach dem Ereignis. Konzepte wie die „Golden Hour of Shock“ oder später zeitkritische Versorgungsfenster bei Reanimation und Schlaganfall rücken die frühe Alarmierung und Erstversorgung in den Fokus.
Politik, Technik und Rettungsorganisationen reagieren. Vor diesem Hintergrund führt Deutschland 1957 zunächst eine einheitliche Notrufnummer für die Polizei ein. 1963 folgt die 112 als bundesweite Notrufnummer für Feuerwehr und Rettungsdienst.
Von der Alarmierung zur Rettungskette: Wie der Notruf funktioniert
Die Wahl der Nummer folgt klaren technischen Prinzipien. Die 112 lässt sich auf Wählscheibentelefonen (ja, die gab es damals) schnell wählen, funktioniert auch bei teilweisen Netzstörungen und bleibt selbst bei hoher Netzauslastung erreichbar. Sie ist kurz, leicht zu merken und auch unter Stress zuverlässig abrufbar. Gleichzeitig entstehen ständig besetzte Leitstellen, die Notrufe annehmen, bewerten und die Einsatzmittel koordinieren. Der Notruf wird damit zum Auslöser eines strukturierten Systems, das Alarmierung, Disposition und Einsatzführung miteinander verknüpft.
In den folgenden Jahrzehnten wandelt sich der Rettungsdienst von einem Transportdienst zu einer präklinischen Behandlungseinheit. Parallel entwickelt sich der Notruf vom einfachen Hilferuf zu einem medizinisch relevanten Informationsinstrument. Leitstellen beginnen, Symptome strukturiert zu erfassen, Dringlichkeiten zu priorisieren und mehrere Rettungsmittel zeitgleich zu alarmieren. Mit der Einführung des Notarztsystems, der Ausrüstung von Rettungswagen mit Sauerstoff, Monitoring und später Defibrillation wird der Notruf endgültig Teil einer medizinischen Versorgungskette, die bereits vor dem Eintreffen am Einsatzort beginnt.
1991 führt die EU den Notruf europaweit ein, zusätzlich zu manchen nationalen Notrufnummern. Seit 1998 müssen die Länder dafür sorgen, dass die Notrufnummer gebührenfrei zu erreichen ist, damit die Rettungskräfte schnell zu den Patienten gelangen können. Notfalls mit einem Rettungshubschrauber.
Die Einführung der Luftrettung – fliegende Intensivstationen im Einsatz
Die Idee, Verletzte schnell per Lufttransport zu retten, entsteht parallel zur Entwicklung von Hubschraubern in den 1930er-Jahren. Sikorsky (heute Lockheed Martin) baut ab 1940 den ersten funktionstüchtigen und freifliegenden Hubschrauber (VS-300) in den USA. Mit dem R-4 entsteht der erste Serienhubschrauber, der im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wird, auch um Verwundete aus unzugänglichem Gelände zu evakuieren. Nach dem Krieg verlagert sich das Augenmerk der Hubschrauber auf die zivile Nutzung. Die ersten organisierten Luftrettungsdienste transportieren ab den 1960er-Jahren in den USA Patienten.
In Deutschland startet die Luftrettung Anfang 1970 mit dem ersten Christoph-Hubschrauber in München als Teil der ADAC-Luftrettung. Sein Hauptziel: schnelle Versorgung von Verkehrsunfällen und Notfällen in schwer zugänglichem Gelände. In den folgenden Jahren entwickeln sich Rettungshubschrauber zu vollwertigen fliegenden Intensivstationen inklusive Beatmungsgeräten, Defibrillatoren, mobiler Diagnostik und speziell geschulten NotärztInnen und RettungsassistentInnen. Heute ist die Luftrettung in vielen Ländern wie Deutschland mit ADAC, DRF und Johanniter Luftrettung und ihrer Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft ein fester Bestandteil der Notfallversorgung.
Luftrettung: Von reiner Verletztenevakuierung hin zu vollwertigen fliegenden Intensivstationen
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Zeit als entscheidender Faktor: Die Rolle digitaler Leitstellen
Auch der Notruf hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt, von einem einfachen Anruf bis zu einem hochintegrierten System. Seit 2003 wird der Standort des Anrufers den Rettungsdiensten übermittelt – für ein schnelles Auffinden von Unfallopfern.
Heute ist der Notruf in Deutschland ein zentrales Element der Notfallmedizin. Er verbindet Laienhelfer, Leitstelle, Rettungsdienst und Klinik zu einem funktionalen Gesamtsystem, in dem Zeit als kritischer Faktor systematisch reduziert wird. Digitale Einsatzleitsysteme verknüpfen Anrufdaten mit Standortinformationen, Fahrzeugverfügbarkeit und klinischen Versorgungsstrukturen. Gleichzeitig gewinnt der Anruf an therapeutischer Bedeutung. Strukturierte Notrufabfragen ermöglichen es Disponenten, lebensbedrohliche Zustände wie Herz-Kreislauf-Stillstand oder Schlaganfall frühzeitig zu erkennen. Telefonische Anleitung zur Wiederbelebung oder zu lebensrettenden Sofortmaßnahmen wie die telefonisch angeleitete Reanimation (T-CPR) etablieren sich als fester Bestandteil der präklinischen Versorgung.
Durch eine strukturierte Anleitung durch geschultes Fachpersonal lässt sich die Reanimation durch Laien um bis zu 30 Prozentpunkte steigern. Der Notruf fungiert damit nicht mehr nur als organisatorischer Startpunkt, sondern als aktive medizinische Maßnahme.
20 Millionen Notrufe pro Jahr
Jährlich gehen über 20 Millionen Notrufe über die Nummer 112 bei den Leitstellen ein, dazu kommen Anrufe über die Nummer 110 der Polizei – Tendenz steigend. Mit der Einführung von Advanced Mobile Location (AML), automatischen Notrufen (eCall) und Smartphone-basierten Notruffunktionen hat sich das Notrufaufkommen erhöht. Heute lassen sich sogar Notrufe per App absetzen, wie mit der Notfall-App nora. Dabei gelten nur zwischen 30 und 50 Prozent der Notrufe medizinisch als nicht akut oder vital bedrohlich, die Zahlen schwanken regional. Zwischen 30 und 90 Sekunden benötigen die Disponenten in den Notrufzentralen, um aus wenigen Informationen eine erste Einschätzung für einen Einsatz abzuleiten. Dabei sind sie auf standardisierte Abfrageprotokolle angewiesen.
Der Tag des Notrufs am 11. Februar erinnert also nicht nur an die wichtige Funktion und Historie der Notrufnummer 112, sondern betont auch die fortwährende technische und organisatorische Weiterentwicklung des Systems. Mit komplexen Leitstellen, hochqualifizierten Disponenten und der zunehmenden Digitalisierung wird die Rettungskette immer effizienter – und rettet Millionen Leben.
Die Notrufnummer ist weit mehr als eine Zahlenfolge – sie repräsentiert das Zusammenspiel von Bevölkerung, Leitstellen, Rettungsdiensten und Krankenhäusern. Ein System, das jeder nutzen kann und das zu jeder Zeit bereitsteht, um Menschen in Not zu helfen.
Wer die 112 wählt, braucht dringend Hilfe. Doch welche Fahrzeuge rücken bei welchem Notfall aus? Eine Übersicht.
