Klinikessen

Mangelernährung in Kliniken erkennen und behandeln

Ein Patient bekommt am Bett sein Essen serviert
Amely Schneider | 6.5.2026 | Lesedauer: 4 Minuten

Die Bundesregierung plant ein verpflichtendes Ernährungs-Screening in Kliniken. Für ÄrztInnen und Pflegekräfte bedeutet das mehr Aufgaben – und bessere Behandlungsergebnisse.

Mangelernährung betrifft bis zu 30 % der KrankenhauspatientInnen und verschlechtert nachweislich Behandlungsergebnisse. Ein verpflichtendes Ernährungsscreening soll künftig frühzeitig Risiken erkennen und die Versorgung verbessern – bringt aber auch neue Anforderungen für ÄrztInnen und Pflegekräfte mit sich.

Das Tablett geht zurück, das Essen ist unberührt, der Patient hat keinen Appetit. ÄrztInnen und Pflegekräfte erleben diese Situation im Klinikalltag täglich. Viele PatientInnen kommen schon geschwächt auf die Station, essen kaum oder so wenig, dass sie weiterhin an Gewicht verlieren. Ein Thema, das im hektischen Klinikalltag oft untergeht, denn im Aufnahmeprozess wird der Ernährungszustand bisher zu wenig systematisch erfasst.

Mangelernährung verlängert den Aufenthalt im Krankenhaus

 Studien zeigen seit Jahren, dass bis zu 30 Prozent der stationären PatientInnen mangelernährt sind. Ältere Menschen und PatientInnen mit schweren Krankheiten sind besonders gefährdet. Die Folgen können gravierend sein und begegnen ÄrztInnen und Pflegekräften immer wieder:

  • verzögerte Wundheilung
  • höhere Infektanfälligkeit
  • Verlust von Körperkraft und Mobilität
  • verschlechterte Therapietoleranz
  • mehr Komplikationen nach Eingriffen
  • längere Krankenhausaufenthalte
  • erhöhte Sterblichkeit 

Hohe Kosten für das Gesundheitssystem könnten vermieden werden

Schon vor rund 20 Jahren wiesen Forschende in der „German Hospital Malnutrition Study“ auf die medizinischen Auswirkungen sowie Folgekosten von Mangelernährung hin. 43 Prozent der PatientInnen im Alter von 70 Jahren waren mangelernährt, verglichen mit nur 7,8 Prozent der PatientInnen unter 30 Jahren. Die meisten Fälle von Mangelernährung wurden in den Abteilungen für Geriatrie (56,2 Prozent), Onkologie (37,6 Prozent) und Gastroenterologie (32,6 Prozent) beobachtet. Insbesondere bei Tumorerkrankungen wird krankheitsbedingte Mangelernährung als Begleiterscheinung oft weder erkannt noch behandelt, heißt es auf der Seite der „Deutschen Stiftung Krankheitsbedingte Mangelernährung“. Und das, obwohl 54 Prozent der PatientInnen schon vor der Diagnosestellung einen signifikanten Gewichtsverlust aufweisen.

Mangelernährung verschlechtert Behandlungsergebnisse und erschwert damit letztendlich die Arbeit auf der Station. Dem Gesundheitssystem fallen dadurch jedes Jahr zusätzliche Kosten in Milliardenhöhe an. Seit Jahren fordern medizinische Fachgesellschaften eine stärkere Berücksichtigung der Ernährungsmedizin. Das Bewusstsein für das Problem ist also längst da – was bisher jedoch fehlte, waren klare Strukturen und Verbindlichkeit. 

Eine breite Auswahl an gesundem Essen liegt auf einer Platte.

Krankenhausessen ist oft leider weit weg von gesumdem Essen

Ernährungsscreening soll Standard in Kliniken werden

Das soll sich künftig ändern. Der Deutsche Bundestag hat ein verpflichtendes Ernährungsscreening auf den Weg gebracht. Mit dem im März 2026 verabschiedeten Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) soll der Bundesausschuss bis Ende 2027 Richtlinien zur Erkennung von Mangelernährung entwickeln. Ernährung soll damit fester Bestandteil der stationären Versorgung werden. Für den Krankenhausalltag heißt das langfristig:

  • Screening bei Aufnahme wird zum Standard
  • qualifiziertes Personal für Diagnostik und Therapie muss vorhanden sein
  • es gibt strukturierte Behandlungspläne bei festgestellter Mangelernährung

Damit wird eingeführt, was einige Kliniken bereits in Ansätzen praktizieren – aber eben nicht flächendeckend und ohne verbindliche Standards.

Was das Screening für den Stationsalltag bedeutet

Für viele ÄrztInnen und Pflegekräfte bedeutet das eine Umstellung, zusätzliche Aufgaben und womöglich mehr Bürokratie. So sinnvoll die neue Regelung ist – ihre Umsetzung wird entscheidend sein. Zusätzliche Screenings dürfen nicht zu weiterer Überlastung des Klinikpersonals führen, sondern müssen sinnvoll in bestehende Abläufe integriert werden. Wichtige Aspekte werden dabei sein: 

  • Welche Screening-Tools sind schnell und zuverlässig genug?
  • Wer übernimmt die Verantwortung – Pflege, ÄrztInnen oder interdisziplinäre Teams?
  • Wie werden Ergebnisse dokumentiert und weiterverarbeitet?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) hat angekündigt, den Prozess fachlich zu begleiten und dabei zu unterstützen evidenzbasierte und gleichzeitig alltagstaugliche Standards zu entwickeln. 

Mangel an Mikronährstoffen bei hospitalisierten PatientInnen häufig

Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum zeigt, dass vor allem ältere PatientInnen in Krankenhäusern unter Nährstoffmangel leiden. Alle untersuchten Personen hatten mindestens einen Mikronährstoff, der zu niedrig war. Besonders häufig waren Defizite an Vitamin C, D, H (Biotin) und K, die bei 75 Prozent der PatientInnen festgestellt wurden. 37 Prozent hatten einen niedrigen Folsäurespiegel, während ein Eisenmangel bei 31 Prozent zu beobachten war. Zinkwerte waren bei 36 Prozent der PatientInnen zu niedrig. 35 Prozent zeigten unzureichende Selenkonzentrationen.

Wie kann man PatientInnen zum Essen motivieren, wenn sie keinen Appetit haben?

Studien und Leitlinien geben Empfehlungen zum Umgang mit Menschen, die keinen Appetit haben. Dabei haben sich folgende Strategien bewährt:

  • Kleine, häufige Mahlzeiten statt großer Portionen
  • Hochkalorische, proteindichte Lebensmittel bei kleineren Essensmengen
  • Lieblingsspeisen und angenehme Aromen, die Freude am Essen fördern
  • Angenehme Essensumgebung, wenn möglich Essen in Gemeinschaft
  • Keine Pflichtatmosphäre, Druck wirkt eher aversiv
  • Übelkeit, Schmerzen, Depressionen behandeln
  • Appetitanreger oder bestimmte Medikamente bedacht einsetzen

Essen in deutschen Krankenhäusern oft wenig nährstoffreich

Hinzu kommt auch, dass das Essen in deutschen Krankenhäusern offenbar nicht besonders nährstoffreich ist. Eine Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin in zwei Kliniken zeigte: Auf den Tellern der PatientInnen landet zu wenig Gemüse, Obst und Vollkorn – dafür aber viel Zucker, Salz und Fett. Auch wichtige Mikronährstoffe wie Vitamin C, B-Vitamine oder Magnesium sind häufig zu niedrig vorhanden. Hinzu kommt, dass PatientInnen im Schnitt weniger als 70 Prozent der servierten Portionen aßen, was das Risiko für Mangelernährung erhöht. Viele Kliniken haben sehr geringe Budgets pro PatientIn (ca. 6 Euro pro Tag). Essen wird häufig industrialisiert in Großküchen produziert. 

Am Nutrition Day, ein deutschlandweit offenes Programm, nehmen jedes Jahr viele Krankenhäuser teil, um ihren Ernährungsstatus zu erheben und die Versorgungsqualität zu verbessern. Der nächste findet am 12. November 2026 statt.

Fazit

Mangelernährung ist im Klinikalltag ein häufig unterschätztes Problem mit direkten Auswirkungen auf Genesung, Komplikationsrisiken und Verweildauer. Mit dem geplanten verpflichtenden Ernährungsscreening wird Ernährung erstmals systematisch in die Versorgung integriert. Entscheidend wird sein, die neuen Anforderungen so umzusetzen, dass sie den Alltag von ÄrztInnen und Pflegefachkräften unterstützen – und nicht zusätzlich belasten.

Titelbild: iStock.com/Rawpixel

Amely Schneider

Unsere Autorin Amely Schneider

Amely Schneider ist eine erfahrene Redakteurin und Journalistin. Sie schreibt am liebsten über wissenschaftliche Themen und alles rund um den Bereich Well-Beeing.

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