Hilfsprojekt in Afrika

Als Krankenpfleger im OP-Einsatz in Kamerun

Ein Team von ÄrztInnen und Pflegerkräften in einem provisorischen OP-Saal in Afrika
Juliane Beckmann | 27.1.2023 | Lesedauer: 6 Minuten

Alexander Derksen verbringt seine freie Zeit regelmäßig mit Hilfsprojekten in Kamerun. Dabei lernt der Fachkrankenpfleger auch viel für seine Arbeit in Deutschland.

Alexander Derksen mit einen kleinen Jungen im Untersuchungsraum

Alexander mit einem kleinen Patienten

Alexander Derksen ist Fachkrankenpfleger für Intensiv- und Anästhesiepflege und regelmäßig nicht nur in deutschen OPs unterwegs. Teil seines Selbstverständnisses als Krankenpfleger ist sein großes Engagement bei verschiedenen Gesundheitsprojekten in Afrika. Bei seinem letzten Einsatz arbeitete er in einem internationalen Team in Kamerun, das Kinder und Erwachsene operierte, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben.

Stellen Sie sich bitte einmal kurz vor: Wer sind Sie und was arbeiten Sie?
Mein Name ist Alexander und ich bin 38 Jahre alt. Nach meiner Ausbildung zum Krankenpfleger habe ich mehrere Jahre auf verschiedenen Intensivstationen gearbeitet, bevor ich meine Fachweiterbildung zum Fachkrankenpfleger für Intensiv und Anästhesie gemacht habe. Nach der Fachweiterbildung habe ich 3 Jahre in einem Haus der Maximalversorgung in der Anästhesie gearbeitet und bin dann in die ANÜ zu doctari gewechselt. Seit 5 Jahren bin ich nun schon bei doctari beschäftigt.

Sie haben ein Hilfsprojekt in Afrika unterstützt. Wo genau waren Sie, wie lange waren Sie da und was haben Sie dort gemacht?
Im November 2022 war ich für 10 Tage in einem kleinen Dorf im Westen Kameruns zu einem OP-Einsatz. Seit 2017 finden dort in einem kleinen Krankenhaus regelmäßige OP-Einsätze statt. Es werden überwiegend Kinder operiert, deren Eltern nicht in der Lage sind, die Kosten für eine Behandlung in einem Krankenhaus zu übernehmen. Es werden aber auch Erwachsene operiert, die ihre Familien mit ihrer Erkrankung nicht versorgen können (z. B. schlecht verheilte und infizierte Knochenbrüche, Tumoren usw.). 

Wie war das Ganze organisiert?
Ich war dort in einem Team mit mehreren Teilnehmern aus verschiedenen Ländern. Wichtig ist uns bei dem Projekt die Kooperation mit kamerunischen Ärzten und medizinischem Personal. Die Organisation ist sehr aufwendig. Von der Genehmigung der Gesundheitsbehörde bis hin zum Trostlutscher für die kleinen Patienten muss alles logistisch bis ins kleineste Detail gemeinsam mit allen Teilnehmern durchdacht und geplant werden.

Die Vorarbeit beginnt schon viele Monate vorher in Deutschland und auch in Kamerun. Die Umstände vor Ort erfordern ebenso viel Improvisation. Viele Dinge, die wir in einem OP in Deutschland für selbstverständlich halten (Strom, Wasser, Sauerstoffanschlüsse, Klimaanlage etc.), gibt es dort nicht. Da muss man umdenken und nach praktikablen Lösungen suchen. Zum Beispiel haben wir dort kein Beatmungsgerät. Es müssen also Narkosen gemacht werden, die zum einen die Atmung des Patienten erhalten und zum anderen trotzdem für den Chirurgen und den Patienten optimale OP-Bedingungen schaffen.

Da profitieren wir von den Fähigkeiten einer kamerunischen Krankenschwester. In vielen Ländern Afrikas (Kamerun gehört dazu) wird die Anästhesie nicht von Ärzten, sondern von speziell ausgebildeten Pflegenden übernommen. Ich staune immer wieder, mit wie wenig Mitteln eine sichere Narkose durchgeführt wird. Die Einrichtung des OP-Saals und die OP-Instrumente wurden größtenteils aus Deutschland gespendet und mit einem Container per Schiff nach Kamerun geschickt. 

"Viele Dinge, die wir in einem OP in Deutschland für selbstverständlich halten (Strom, Wasser, Sauerstoffanschlüsse, Klimaanlage etc.), gibt es dort nicht. Da muss man umdenken und nach praktikablen Lösungen suchen. "

Ein Krankenpfleger bereitet einen OP vor

Alexander bereitet ein Behandlungszimmer vor

Das richtige Licht für die nächste Untersuchung kommt von einer Baulampe

Wundversorgung bei einem Kleinkind

Wie kam es zu Ihrem Engagement, gab es einen speziellen Auslöser? Und warum gerade dort?
Ich war 2014 das erste Mal in Kamerun. Unsere Freunde leiten dort ein Kinderheim. Sie waren erkrankt und benötigten medizinische Hilfe und Unterstützung auf dem Gelände. Also bin ich hingeflogen und habe so zum ersten Mal Afrika und Kamerun kennengelernt. Mit der Zeit hat man dort ein Gesundheitsfürsorgeprojekt gestartet, da immer wieder Menschen zum Kinderheim kamen und nach medizinischer Hilfe fragten. In diesem Gesundheitsfürsorge-Projekt engagiere ich mich ehrenamtlich. Mit der Zeit ergab sich ein Kontakt mit einem kamerunischen Arzt, der uns sehr viel geholfen hat. Er ist selbst Chirurg und hat die OP-Einsätze mit ins Leben gerufen und uns bei der Organisation unterstützt.

Haben Sie schon öfter Hilfsprojekte unterstützt?
Ich habe schon viele Länder besucht, jedoch selten solche schlimmen Zustände in der Bevölkerung – vor allem in der gesundheitlichen Versorgung – erlebt und gesehen. Als ich zum ersten Mal in ein Dorf kam, sah ich vor fast jeder Hütte kleine Erdhügel. Man erklärte mir, dass es Kinder sind, die man dort bestattet hat. Das hat mich erschüttert. Als sich dann die Möglichkeit ergab, sich zu engagieren und mitzuhelfen, habe ich zugesagt. Vorher habe ich nichts in diese Richtung gemacht.

Wie finanzieren Sie sich Ihr Engagement? Nutzen Sie Ihren Jahresurlaub, sammeln Sie Spenden?
Die Kosten für die Reise habe ich zum Teil selbst bezahlt und meinen Urlaub dafür verwendet. Als ich mich bei doctari beworben habe, wurde ich im Vorstellungsgespräch gefragt, was ich in meiner Freizeit mache und was mir wichtig ist. Da habe ich von Afrika erzählt. Seitdem werde ich immer wieder unterstützt. doctari hat mir die Flugkosten erstattet oder dieses Jahr sogar Sonderurlaub gewährt.

"Ich fand erstaunlich, wie viel Geduld unsere Patienten und deren Angehörige in Kamerun hatten. Sie konnten stundenlang draußen bei großer Hitze warten, bis sie untersucht und operiert wurden. "

Ist dieses Engagement etwas, das Ihnen nur möglich ist, weil Sie in der Zeitarbeit mehr Einfluss auf Ihre Arbeitsbedingungen haben?
Auf jeden Fall. Ich kann meine Zeit besser und flexibler planen. Wie viele wissen, muss man, wenn man in einer Klinik fest beschäftigt ist, seinen Jahresurlaub oft schon im Oktober des Vorjahres verplanen. Verschieben oder Tauschen des Urlaubs ist oft mit viel Aufwand verbunden oder sogar nicht möglich. Da sich aufgrund verschiedener Umstände die Einsätze in Kamerun verschieben, hätte ich bei einer Anstellung im Krankenhaus oft nicht mitfahren können.

Was empfehlen Sie anderen, die auch helfen wollen?
Das ist schwer zu sagen. Es gibt viele Möglichkeiten, aktiv zu werden im In- und Ausland. Wenn man helfen möchte und aktiv sucht, ergeben sich Möglichkeiten. Was ich anderen sagen möchte, die helfen möchten: Man muss wissen, wo seine eigenen persönlichen Grenzen sind. Es hört sich erstmal gut an, nach Afrika zu fahren und ehrenamtlich mit seiner guten Ausbildung aus Deutschland zu helfen. Vor Ort erlebt man aber Dinge, die emotional, psychisch und körperlich sehr belastend sind. Es sind komplett andere Umstände, wo vieles, was man für selbstverständlich hält, nicht selbstverständlich ist.

Wie haben die Menschen auf Sie reagiert? Gab es einen Unterschied zu Ihren Erfahrungen in Deutschland? Würden Sie sich etwas wünschen?
Ich fand erstaunlich, wie viel Geduld unsere Patienten und deren Angehörige in Kamerun hatten. Sie konnten stundenlang draußen bei großer Hitze warten, bis sie untersucht und operiert wurden. Manchen Menschen konnten wir nicht helfen, weil unsere Möglichkeiten erschöpft waren, trotzdem blieben sie freundlich und bedankten sich sogar noch.

In Deutschland ist die Situation in den Krankenhäusern angespannt, in allen Bereichen. Nicht selten erlebe ich als Pflegender auf der Intensivstation Konfliktsituationen, wo Patienten und Angehörige ihren Frust über irgendwelche Dinge, für die wir gar nichts können, an uns auslassen. Ich habe das Gefühl, dass das immer mehr wird.

Ich würde mir wünschen, dass man in der Bevölkerung versteht, das nicht das Personal diese Situation zu verantworten hat, sondern die Politik. Verglichen mit Afrika bekommt in Deutschland in den allermeisten Fällen jeder – auch wenn er vielleicht sehr lange warten muss – medizinische Hilfe. In Kamerun verstirbt man, wenn man die Behandlung nicht bezahlen kann.

Behandlung eines Jugendlichen. Der OP-Einsatz richtete sich in erster Linie an Kinder und deren Eltern

Alexander legt dem Kind einen zugang in den Arm

OP-Vorbereitung: Alexander legt einem Jugen einen venösen Zugang in den Arm

Alexander Derksen mit einer Änästhesie-Schwester und einem Kind auf dem Arm

Alexander zusammen mit einer Anästhesie-Schwester und einem Kleinkind auf dem Arm

Alexander checkt den Zugang eines Babys

Der Einsatz galt in erster Linie Kindern und Jugendlichen. Hier checkt Alexander den Zugang eines Babys

Was nehmen Sie aus dieser Erfahrung mit in Ihren Berufsalltag in Deutschland?
Jedes Mal, wenn ich nach der Reise wieder in Deutschland anfange zu arbeiten, merke ich erst, wie gut wir es hier haben. Auch wenn es immer wieder Situationen gibt, wo man etwas auszusetzen hat, es ist lange nicht so schlimm wie in Afrika. Gerade in den letzten beiden Jahren habe ich in manchen Kliniken erlebt, dass es für bestimmte Artikel Lieferschwierigkeiten gab. Durch die Erfahrungen in Afrika fiel es mir persönlich leichter zu improvisieren und nach einer anderen genauso guten Lösung zu suchen.

Werden Sie weitermachen?
Für nächstes Jahr ist ein weiterer Einsatz geplant. Wenn alles so bleibt wie bisher, plane ich mitzufahren.  

Vielen Dank für das Interview!

Wer mehr zu Alexanders Projekten wissen oder vielleicht selbst helfen möchte, kann gern unter socialmedia@doctari.de Kontakt mit uns aufnehmen.

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Autor

Juliane Beckmann

Online-Redakteurin mit viel Erfahrung und seit 2019 Teil der doctari Redaktion. Lernt gern dazu, mag Bindestriche und macht die Texte rund.

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