Frauen und Männer zeigen bei vielen Krankheiten unterschiedliche Symptome, Risiken und Verläufe, etwa beim Herzinfarkt, bei Long-Covid oder bei der Wirkung von Medikamenten. Die geschlechtersensible Medizin untersucht diese Unterschiede. In Deutschland gibt es inzwischen mehrere spezialisierte Institute (u. a. an der Charité Berlin, in Bielefeld, Duisburg-Essen und Magdeburg), und Gendermedizin soll als eigenes Fach fester Bestandteil des Medizinstudiums werden.
Vor mehr als 30 Jahren machte die US-Kardiologin Marianne Legato eine Entdeckung: Ihr fiel auf, dass sich ein Herzinfarkt bei Frauen anders ankündigte als bei Männern. Während männliche Patienten über Brustschmerzen klagten, traten bei weiblichen Patientinnen Übelkeit oder Rückenschmerzen auf. Symptome, die viele ÄrztInnen falsch interpretierten.
Frauen wurden deshalb oft später behandelt als Männer. Bis zur Einweisung ins Krankhausen verging wertvolle Zeit, die über Leben und Tod entscheiden konnte. In ihrem Buch „The female heart“ (Dt. „Evas Rippe“) beschrieb Marianne Legato dieses Phänomen und wurde damit zu einer Pionierin der Gendermedizin.
Geschlechtersensible Medizin: Biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau
Seitdem hat die geschlechtersensible Medizin mehr und mehr an Bedeutung gewonnen. Sie beschäftigt sich mit biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern, die in der Medizin noch nicht ausreichend beachtet werden. Sie befasst sich aber auch mit unterschiedlichem Gesundheitsbewusstsein oder Kommunikationsverhalten gegenüber dem Arzt oder der Ärztin.
Die Corona-Pandemie hat es erneut bewiesen: Frauen und Männer können unterschiedlich erkranken. Auch das Risiko, eine Krankheit überhaupt zu bekommen, kann je nach Geschlecht sehr unterschiedlich ausfallen. So haben Männer nach einer Covid-19-Infektion häufiger einen schweren Verlauf. Frauen leiden dagegen eher unter Long-Covid.
Das Coronavirus macht einen Unterschied zwischen Mann und Frau.
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Wirksamkeit von Arzneistoffen kann je nach Geschlecht anders sein
Auch bei anderen Krankheiten lassen sich Unterschiede beobachten: Frauen haben eher Autoimmun- und Darmerkrankungen. Nach den Wechseljahren ist ihr Risiko für Knochenschwund (Osteoporose) höher als bei Männern. Der Geschlechterunterschied spielt auch bei Diabetes oder Krebs eine Rolle. Und nach wie vor sterben Frauen öfter an Herzinfarkten, obwohl Männer häufiger davon betroffen sind.
Der weibliche Körper funktioniert anders als der männliche. Die unterschiedlichen Geschlechtshormone beeinflussen Abläufe im Körper auf verschiedene Art und Weise. Auch Anatomie, Körpergröße, sowie Verhältnis von Muskelmasse und Fettgehalt sind unterschiedlich. All das kann Folgen für die Wirksamkeit von Medikamenten haben.
Medizinische Studien zu Medikamenten vor allem an jungen Männern
Lange war es üblich, dass medizinische Studien fast ausschließlich an Männern vorgenommen wurden. Studien an Männern sind einfacher und produzieren weniger Kosten. Denn: Sie können nicht schwanger werden und zeigen nicht solch starke Hormonschwankungen wie Frauen.
Die Ergebnisse, die mit männlichen Probanden gewonnen wurden, wurden einfach auf weibliche Patientinnen übertragen. Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten werden für Frauen dadurch jedoch nicht ausreichend belegt. Möglicherweise wird ihnen dadurch eine nicht angemessene Dosierung empfohlen und sie leiden eher an Nebenwirkungen.
Nach wie vor sind Frauen in vielen medizinischen Studien unterrepräsentiert. Damit die Zahl der Frauen in Medikamenten-Tests steigt, gibt es international zunehmend Initiativen und Leitlinien. Auch die Europäische Union wollte etwas gegen diesen Missstand tun. Seit 2022 werden in Anträgen zur klinischen Überprüfung von Arzneimitteln auch Angaben zur Geschlechtsverteilung eingefordert. Ist ein Geschlecht unterrepräsentiert, soll das begründet werden.
Im Medizinstudium werden die Unterschiede der Geschlechter bislang kaum berücksichtigt.
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Gendermedizin wird eigenes Pflichtfach im Medizinstudium
Lange hieß es, angehende Mediziner:innen würden in ihrem Studium wenig bis gar nichts zum Thema geschlechtssensible Medizin hören, und der Deutsche Ärztinnenbund forderte deshalb ein eigenes Fach „Gendermedizin". Genau das ist inzwischen auf dem Weg: Im Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin 2.0 (NKLM 2.0), der mit der neuen Ärztlichen Approbationsordnung verbindlicher Teil des Medizinstudiums werden soll, ist „Geschlechtersensible Medizin plus Diversitätsfaktoren" (GSM+) inzwischen als eigenes klinisches Fach mit eigenen Lernzielen aufgeführt.
Die Umsetzung verzögert sich allerdings: Noch im Dezember 2025 drängte die Bayerische Landesärztekammer öffentlich darauf, die neue Approbationsordnung tatsächlich in Kraft zu setzen. Avsiert ist die Umsetzung der Reform nun zum 1. Oktober 2027.
Institute und Lehrstühle: Deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren
Bis vor Kurzem gab es in Deutschland nur zwei Einrichtungen, die sich speziell mit geschlechtersensibler Medizin befassten: das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin (seit 2007) und einen Lehrstuhl an der Universität Bielefeld (seit 2021). Mittlerweile sind es mindestens vier: An der Universität Duisburg-Essen wurde Ende 2023 das Institut für Geschlechtersensible Medizin (IGSM) gegründet, seit Sommersemester 2025 verstärkt durch eine zusätzliche Professur zu genetischen Mechanismen. Und an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg nahm im März 2024 die bundesweit erste Vollzeit-Professur mit klinischer Anbindung für Geschlechtersensible Medizin ihre Arbeit auf. Im April 2025 eröffnete Magdeburg zusätzlich die deutschlandweit erste Hochschulambulanz für Geschlechtersensible Medizin.
Auch die medizinischen Fachgesellschaften ziehen nach: Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) hat eine eigene Kommission Geschlechtersensible Medizin gegründet und im Januar 2026 ihr erstes Symposium dazu veranstaltet. Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) gründete auf ihrem Kongress DKOU 2025 eine eigene Arbeitsgemeinschaft zum Thema. Geschlechtersensible Medizin bleibt damit nicht mehr nur ein Thema der Kardiologie und Inneren Medizin, sondern verbreitert sich in weitere Fachdisziplinen.
Psychische Krankheiten: Männer profitieren von Gendermedizin
Von einer geschlechterspezifischen Medizin profitieren Männer genauso wie Frauen. Das zeigt sich zum Beispiel beim Thema psychische Krankheiten. Bei Frauen werden mehr Depressionen diagnostiziert, aber Männer sterben häufiger durch Suizide.
Hier ist auch der Aspekt des unterschiedlichen Kommunikationsverhaltens etwa im Rahmen des Arzt-Patienten-Gesprächs wichtig. Oft fällt es Männern schwerer, über die Symptome einer Depression zu sprechen oder überhaupt deswegen zu einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin zu gehen. Oder die Depression äußert sich in Form von psychosomatischen Beschwerden wie Rückenschmerzen, Magen-Darm-Leiden oder Kopfschmerz.
Geschlechterunterschiede zeigen sich auch darin, dass Frauen ein anderes Gesundheitsbewusstsein haben als Männer. Das kann sich auf das Risiko auswirken, bestimmte Krankheiten zu bekommen. Frauen gehen eher zur Vorsorge und Früherkennungsuntersuchung. Sie ernähren sich bewusster, während Männer öfter übergewichtig sind. All das sind wichtige Faktoren, wenn es um Präventionsprogramme geht. Darüber hinaus kann es auch eine Rolle spielen, ob Patient:innen auf einen Arzt oder eine Ärztin treffen. So zeigt eine Studie: Werden Herzpatientinnen von einer Frau behandelt, haben sie größere Überlebenschancen.
Deutsche wollen beim Arztbesuch mehr geschlechtsspezifische Informationen
Das Bundesgesundheitsministerium fördert seit 2020 Projekte im Rahmen des Förderschwerpunkts „Spezifische Besonderheiten in der Gesundheitsversorgung, Prävention und Gesundheitsförderung", darunter aktuell laufende Vorhaben wie die Erforschung geschlechtsspezifischer Unterschiede bei Multipler Sklerose. Im Herbst 2025 startete das Ministerium zusätzlich einen „Dialogprozess Wechseljahre", der für das Thema sensibilisieren und Verbesserungen für betroffene Frauen erarbeiten soll.
Auch die Mehrheit der Deutschen wünscht sich, dass das Geschlecht beim Arztbesuch eine größere Rolle spielt. Laut einer Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK waren acht von zehn der 1.000 Befragten davon überzeugt, dass Krankheitssymptome geschlechterspezifisch sein können. Gleichzeitig sagten 67 Prozent, dass sie dazu von ÄrztInnen noch nie Informationen erhalten hätten. 87 Prozent meinten außerdem, dass die Pharmaindustrie in Packungsbeilagen von Medikamenten stärker auf die Unterschiede bei der Verwendung durch Männer und Frauen hinweisen sollte.
Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen: Geschlechtersensible Medizin ist in Forschung, Lehre und Fachgesellschaften spürbar in Bewegung gekommen. Bis sie in jeder Arztpraxis und jedem Medizinstudium selbstverständlich angekommen ist, wird es aber weiterhin dauern.
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