Interview Intensivpflegerin

„Ohne Zeitarbeit wäre ich nicht mehr in der Pflege“

Intensivpflegerin Arnhild Tontsch lächelt in die Kamera.
Karin Willms | 25.3.2022 | Lesedauer: 4 Minuten

Die Belastung von Pflegefachkräften ist auf den Intensivstationen enorm hoch. Arnhild Tontsch berichtet, wie es nach Burnout & Kündigung für sie dennoch weiterging.

Arnhild Tontsch ist knapp über 30, als sie nicht mehr kann. Burnout. Jahrelang hatte die ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin ihren Beruf mit Freude ausübt, solange, bis 2020 das Pensum auf der Intensivstation zu hoch wird. Nach einem Nervenzusammenbruch will sie ihren Beruf aufgeben. Doch eine Anstellung in der Zeitarbeit bringt für sie neue Perspektiven, die sie sogar nutzt, um sich in der Gewerkschaft für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen.

Frau Tontsch, Sie standen kurz davor, Ihren Beruf komplett aufzugeben. Wie kam es dazu?
Ich habe zuletzt auf einer Corona-Intensivstation gearbeitet. Es war eine schlimme Zeit. Die meisten Menschen starben und das Personal war völlig überlastet. Selbst die Hartgesottenen sind hier an ihre Grenzen gekommen. Allerdings war und ist das nicht alleine ein Problem der Pandemie.

Das heißt, auch ohne die Corona-Pandemie wären sie an diesen Punkt gekommen?
Ja. In meiner letzten Anstellung auf einer Intensivstation habe ich zum Teil 16 Tage durchgearbeitet. Auf den Dienstplan wurde hier nicht mehr eingegangen. Ich wurde an jedem meiner freien Tage angerufen und zurück in den Dienst geholt. Das schlechte Gewissen war immer zu groß, um nein zu sagen. Denn du weißt, wenn du nicht einspringst, sind die Kollegen alleine. Also arbeitest du. Bis es wirklich nicht mehr geht. Bei mir kam es dann zum Nervenzusammenbruch.

Sie haben sich daraufhin entschlossen, nicht wieder in den Beruf zurückzukehren ...
Weil sich nichts ändern würde. Der Druck auf die Mitarbeiter ist zu hoch. An den meisten Kliniken fehlt Personal, die Kündigungen nehmen dadurch erst recht zu und diejenigen, die bleiben, müssen das auffangen. Es ist ein Teufelskreis. Vor allem auf Intensivstationen.

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"Das schlechte Gewissen war immer zu groß, um nein zu sagen. Denn du weißt, wenn du nicht einspringst, sind die Kollegen alleine. Also arbeitest du. "

Arnhild Tontsch in blauem Kasak lächelt in die Kamera

Für Arnhild Tontsch sind persönliche und berufliche Weiterentwicklung sowie freie Dienstplangestaltung wesentliche Vorteile der Zeitarbeit

Sie bleiben Ihrem Beruf dennoch treu – als Zeitarbeitskraft, wieso?
Weil ich dank dieser Möglichkeit wieder selbstbestimmt arbeiten kann, in einem für mich gesunden Pensum. Als das Angebot von doctari kam, konnte ich zunächst gar nicht glauben, dass es so etwas tatsächlich gibt in meinem Beruf. Ohne Zeitarbeit wäre ich nicht mehr in der Pflege.

Würden Sie Zeitarbeit grundsätzlich empfehlen?
Unter bestimmten Voraussetzungen. Nach nur einem Jahr Berufserfahrung in Zeitarbeit zu gehen, macht keinen Sinn. Man muss als Zeitarbeitskraft sehr schnell gut funktionieren, da die Einarbeitungszeit in der Regel extrem kurz ist. Wenn ich Glück habe, sind es zwei Tage. Deshalb ist Berufserfahrung sehr wichtig.

Das heißt, die Anforderungen an Zeitarbeitskräfte sind höher?
In gewisser Weise schon. Man muss sich ständig weiterbilden, viel lesen und fachlich extrem gut sein, damit man überhaupt die Legitimation hat, da zu sein. Im Prinzip muss man immer etwas mehr wissen als die anderen, um an vielen Stellen einspringen zu können. Wer sagt ‚das weiß ich nicht’ oder ‚das kann ich nicht’, der bringt der Klinik in dem Moment nicht viel.

Das klingt eher nach einer Herausforderung. Wo liegen die Vorteile?
Zunächst ist die Bezahlung besser. Aber darum geht es mir gar nicht. Viel wichtiger ist für mich, dass ich meinen Dienstplan selbst mitgestalten kann. Ich bestimme, wie viel ich im Monat arbeiten möchte und dabei bleibt es auch. Außerdem ist man nicht mehr in das Stationsgeschehen involviert. Mobbing ist an vielen Kliniken ein Thema. Das wird durch uns Zeitarbeitskräfte aufgebrochen.

Das heißt, auch die Kliniken profitieren von Zeitarbeitskräften?
Ich habe Menschen getroffen, die nach 30 Jahren in die Zeitarbeit gewechselt sind. Das sind hochqualifizierte Frauen und Männer – davon können die Einrichtungen nur profitieren. Vor allem, wenn Zeitarbeitskräfte schon viel rumgekommen sind und Erfahrungen gesammelt haben.

"Viel wichtiger ist für mich, dass ich meinen Dienstplan selbst mitgestalten kann. Ich bestimme, wie viel ich im Monat arbeiten möchte und dabei bleibt es auch. "

Medizinisches Personal auf einem Krankenhausflur.

Von den Erfahrungen der Mitarbeitenden auf Zeit profitieren auch die medizinischen Einrichtungen

Wird das denn wertgeschätzt?
In der Regel sind die meisten Kliniken dankbar und freuen sich, dass jemand kommt und hilft. Oft höre ich auch die Frage ‚willst du nicht bleiben’ – das ist natürlich ein Ritterschlag und eine enorme Wertschätzung. Es gibt aber auch Fälle, wo von oberster Ebene aus gegen Zeitarbeitskräfte gewettert wird. Hier muss erst noch ein Umdenken stattfinden.

Würde das System denn ohne Zeitarbeit funktionieren – gerade in Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie?
In Berlin wollte man im letzten Jahr Zeitarbeit verbieten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das durchsetzen wird, da es ohne Leiharbeitskräfte im Moment kaum funktioniert.

Sie engagieren sich in der Gewerkschaft. Was möchten Sie erreichen?
Ich habe selbst erlebt, dass Fachkräfte – gerade in Zeiten der Corona-Pandemie – viel geleistet haben und dafür nicht wertgeschätzt wurden. Bisweilen gab es eine Lohnerhöhung von einem Prozent – das ist nichts.

Wir versuchen deshalb gerade, ein Pflegebündnis zu gründen und die Probleme in die Medien zu bringen, mit denen wir täglich kämpfen. Allein dass die Pflegekräfte gehört werden, ist ein wichtiges Ziel.

Haben Sie Hoffnung auf Besserung?
Es ändert sich nichts, wenn niemand etwas macht. Und niemand macht etwas, wenn dafür keine Zeit ist. Darum ist Zeitarbeit enorm wichtig. Und immerhin ein Anfang, um etwas bewegen zu können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zum Weiterlesen und Hören: Arnhild Tontsch im Podcast mit pflegeFaktisch.

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Bildquelle (von oben nach unten): Karin Willms, ArnhildTontsch privat

Autor

Karin Willms

Als freie Journalistin findet sie immer die richtigen Worte, um auch komplexe Sachverhalte verständlich darzustellen. Spezialgebiete: spannende Interviews und Reportagen.

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