3 Fragen an ....

Marcel von Rauchhaupt zum Impostor-Syndrom

Psychotherapeut Marcel von Rauchhaupt spricht über das Hochstapler-Syndrom
Karin Greeck | 10.11.2024 | Lesedauer: 3 Minuten

Warum leiden so viele ÄrztInnen am Impostor- oder Hochstapler-Syndrom? Wir haben Dr. Marcel von Rauchhaupt gefragt und spannende Antworten erhalten.

Dr. Marcel von Rauchhaupt ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet für doctari. Wir haben ihm drei Fragen zum Impostor-Syndrom oder Hochstapler-Syndrom bei ÄrztInnen gestellt.

Lieber Marcel, warum sind Ärztinnen und Ärzte Ihrer Meinung nach besonders anfällig für das Hochstapler-Syndrom?

Marcel von Rauchhaupt: Ärztinnen und Ärzte sind einem hohen Leistungs- und Verantwortungsdruck ausgesetzt, was sie besonders anfällig für das Hochstapler-Syndrom macht. Schon während des Medizinstudiums wird von uns erwartet, enorme Mengen an Wissen zu erarbeiten und uns kontinuierlich weiterzubilden. In der klinischen Praxis steigt dieser Druck weiter, da es nicht nur um Theorie geht, sondern um die Gesundheit und das Leben der Patienten. Viele von uns haben deshalb sehr hohe Ansprüche an sich selbst und wollen immer perfekt sein, was realistisch kaum zu erreichen ist. Diese ständige Verantwortung, verbunden mit der Erwartung, keine Fehler machen zu dürfen, kann das Gefühl verstärken, nicht genug zu leisten.

Ein Notizzettel mit dem Wort Imposter-Syndrom klebt an einem Whiteboard

Wie „schlimm“ ist es aus Ihrer Sicht als MedizinerIn unter dem Impostor-Syndrom zu leiden? Könnte man nicht sagen: lieber Under-Dog als Selbstüberschätzung?

Marcel von Rauchhaupt: Das ist ein spannender Punkt. Tatsächlich ist es in der Medizin wichtig, sich seiner Grenzen bewusst zu sein, da Selbstüberschätzung gefährlich sein kann. Wer denkt, er wüsste alles oder könne keine Fehler machen, läuft Gefahr, riskante Entscheidungen zu treffen. Insofern ist eine gewisse Demut und Vorsicht gegenüber der eigenen Leistung durchaus positiv.

Aber das Hochstapler-Syndrom ist mehr als nur „Under-Dog“-Denken. Es führt zu einem tiefgreifenden Zweifel an der eigenen Kompetenz. Diese ständigen Selbstzweifel können nicht nur emotional sehr belastend sein, sie beeinträchtigen auch die eigene Leistung. Wer permanent das Gefühl hat, er sei nicht gut genug, neigt dazu, sich übermäßig anzustrengen, ständig an sich selbst zu arbeiten und keine Pausen zuzulassen. Das kann zu Erschöpfung und letztlich zum Burn-out führen. Zudem kann es uns in unserer Arbeit hemmen. Wenn ich ständig daran zweifle, ob ich die richtige Entscheidung treffe, kann das im Ernstfall dazu führen, dass ich sie zu spät treffe.

Was würden Sie betroffenen Ärztinnen und Ärzten raten?

Marcel von Rauchhaupt: Mein erster Rat wäre: Akzeptieren Sie, dass Sie nicht allein sind. Das Hochstapler-Syndrom ist erstaunlich weit verbreitet, gerade in Berufen mit hoher Verantwortung und komplexen Anforderungen wie der Medizin. Viele haben ähnliche Gefühle, auch wenn man das oft nicht merkt.

Ein zweiter wichtiger Schritt ist es, sich selbst regelmäßig Feedback zu holen – sei es von Kollegen oder Vorgesetzten. Oft nehmen wir unsere eigenen Erfolge und Fähigkeiten nicht so wahr, wie sie wirklich sind. Andere können hier als Spiegel dienen und helfen, das eigene Selbstbild zu korrigieren. In einem Erfolgsjournal kann man dann täglich oder wöchentlich kleine Erfolge oder positive Rückmeldungen notieren. Diese bewusste Reflexion über das, was gut läuft, hilft, das Selbstbild langfristig zu verbessern. Hierbei kann auch eine Supervision oder ein Coaching hilfreich sein. Grundsätzlich gilt: Wenn man als Team oder Kollegium eine Atmosphäre schafft, in der man Fehler eingestehen und über Zweifel sprechen kann, dann wird das Thema enttabuisiert, und es wird einfacher, Hilfe zu suchen, bevor der emotionale Druck zu groß wird.

Wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Autorin

Karin Greeck

Karin Greeck

Als freie Journalistin findet sie immer die richtigen Worte, um auch komplexe Sachverhalte verständlich darzustellen. Spezialgebiete: spannende Interviews und Reportagen.

Inhaltsverzeichnis
Teilen

Mehr zum Thema

Klinikalltag
Erholung trotz Zeitdruck: So gut wirken Mikropausen

Kurze Auszeiten von wenigen Minuten lassen sich auch in den hektischen Kliniktag integrieren. Sie reduzieren Stress, steigern die Konzentration und beugen Ermüd…

Zum Artikel >
Eine Ärztin sitzt mit geschlossenen Augen in der Sonne
Schichtarbeit
Müdigkeit, Nachtschichten, Dunkelheit – was der Winter mit der Psyche macht

Wenn andere den Tag beginnen, gehen sie schlafen: Schichtarbeitende erleben den Winter im Takt der Dunkelheit. Wie der Mangel an Licht, Schlaf und Rhythmus auf …

Zum Artikel >
Eine Ärztin sitzt im dunklen Raum am Schreibtisch
Verarbeitung
Schwer zu verkraften: Traumatische Ereignisse im Arztberuf

Studien belegen: Ärztinnen und Ärzte leiden berufsbedingt viermal häufiger an posttraumatischen Belastungsstörungen. Warum das so ist und was hilft.

Zum Artikel >
Eine Ärztin lehnt an der Wand und schaut betroffen
Grübeleien stoppen
Besser Abschalten: 7 Tipps für einen erholsamen Feierabend

Der Körper ruht, doch der Kopf bleibt im Klinikmodus. Das erschwert Erholung und belastet langfristig. Sieben kurze Strategien helfen, Abstand zum Dienstalltag …

Zum Artikel >
Eine junge Frau sitzt mit einer Tasse Tee auf der Couch und schaut nachdenklich nach oben.
Mitleidsmüdigkeit
Compassion fatigue: Wenn zu viel Mitgefühl krank macht

Medizinische Fachkräfte brauchen die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden. Zu viel Empathie kann aber zum Problem werden und zu Mitleidsmüdigkeit führen.

Zum Artikel >
Besorgt blickende junge Ärztin sitz auf einem Stuhl in einem Krankenhausflur.
Gastbeitrag
Mentale Gesundheit im Arztberuf

Am 10. Oktober wird weltweit der Tag der mentalen Gesundheit begangen, ein Anlass, über psychisches Wohlbefinden von ÄrztInnen zu sprechen.

Zum Artikel >
Zum Tag der mentalen Gesundheit