Frauen in der Medizin

Vom OP-Tisch zur Anästhesie: Mein Weg aus der Chirurgie

Anästhesistin bindet sich den Mundschutz um
Aline Horn | 8.3.2026 | Lesedauer: 7 Minuten

Vom OP-Tisch in der Chirurgie zur Anästhesie: Ärztin Aline Horn berichtet zum Frauentag von ihrem Berufsweg, Erfahrungen im Klinikalltag und der Entscheidung für Veränderung.

Anästhesistin Aline Horn

Wie verändert sich der Blick auf den eigenen Beruf, wenn sich der Karriereweg unerwartet verschiebt? Anästhesistin Aline Horn arbeitet mit doctari als Vertretungsärztin. Daneben probiert sie gern neue Dinge aus und entwickelt sich beruflich und persönlich stetig weiter. Anlässlich des Internationalen Frauentags berichtet Aline von ihren Erfahrungen als Frau in der Medizin und warum sie nach mehreren Jahren in der Chirurgie einen neuen Weg eingeschlagen hat.

Erste Liebe: Chirurgie

Stundenlang konzentriert am Präparationstisch stehen und dabei alles um mich herum vergessen – genau das hat mich während des Studiums fasziniert. Schon früh war mir deshalb klar: Ich möchte Chirurgin werden. Gynäkologie, Chirurgie und Anästhesie fand ich zunehmend spannend, und alle drei Fachrichtungen kamen während meines Studiums für meine spätere Berufswahl infrage.

Neben dem Studium arbeitete ich als studentische Hilfskraft – zunächst in der Vorklinik auf Intensivstationen, später im klinischen Abschnitt im OP einer BG-Klinik. Dort lernte ich den Klinikalltag von einer ganz anderen Seite kennen. Das Team dort war sehr nett, das Arbeitsklima besser als erwartet, und ich mochte das Arbeiten in der Orthopädie und Unfallchirurgie. So wurde die Unfallchirurgie zu meinem Favoriten – damals waren Orthopädie und Unfallchirurgie noch getrennte Fachrichtungen. Allerdings gibt es im OP auch Situationen, in denen viel körperliche Kraft gefragt ist. Ich fragte mich damals, ob ich dafür stark genug sein würde.

Mein Wahlfach im PJ absolvierte ich schließlich in der Gynäkologie. Das Fach hatte mir sehr gut gefallen, sodass ich mich zunächst für diesen Bereich entschied. Während des Studiums hörte ich jedoch immer wieder, dass die Chirurgie als besonders anspruchsvolles Fach gilt und es für Frauen teilweise schwieriger sein kann, sich dort durchzusetzen. Diese Aussagen haben mich damals durchaus beschäftigt.

In der Gynäkologie merkte ich außerdem, dass mich langfristig ein breiteres operatives Spektrum reizen würde. In der Chirurgie sah ich die Möglichkeit, mit vielen unterschiedlichen Krankheitsbildern zu arbeiten und mich ständig weiterzuentwickeln. Bei der Anästhesie hatte ich zunächst die Sorge, dass mir die Tätigkeit vielleicht zu eintönig werden könnte. Außerdem dachte ich damals, ich würde wahrscheinlich immer über das OP-Tuch schauen und mir wünschen, auf der anderen Seite zu stehen. So freute ich mich nach dem Studium auf meine erste Stelle in der Chirurgie.

Chirurg reicht Klammer weiter

Nach sechs lehrreichen Jahren ind er Chirurgie wechselte Aline Horn in die Anästhesiologie

Der Klinikalltag in der Chirurgie

Im Alltag zeigte sich schnell, wie anspruchsvoll die chirurgische Arbeit tatsächlich ist, fachlich, organisatorisch und körperlich. Ich arbeitete in zwei kleineren Kliniken. Das Klima war gut, und auch die Überstunden hielten sich insgesamt in Grenzen. Vor allem die Arbeit im OP machte mir großen Spaß. Auch die Arbeit auf Station mit den PatientInnen empfand ich als bereichernd, während die vielen bürokratischen Aufgaben weniger Freude machten. Was ich mit der Zeit an mir beobachten konnte, war, dass ich im Auftreten härter wurde und mich an meine Kollegen anpasste, um respektiert zu werden. Rückblickend wäre das wohl gar nicht nötig gewesen. In meinem ganzen Berufsleben erlebte ich viele Oberärztinnen in der Chirurgie, speziell in der Unfallchirurgie, die ausgesprochen freundlich, kompetent und führungsstark agierten.

Wie die meisten ChirurgInnen schätze auch ich an meiner Arbeit, dass ich den Erfolg meiner Tätigkeit direkt sehen konnte. Bei einem Knochenbruch beispielsweise zeigt das Abschlussröntgenbild der Operation, dass das Bein wieder korrekt in der Achse steht und funktionell stabil ist. Dieses direkte Ergebnis der eigenen Arbeit ist etwas Besonderes.

Die Arbeit im OP ist allerdings körperlich oft sehr anstrengend. Man steht teilweise viele Stunden am Operationstisch, manchmal mit Röntgenschürze, in steriler Kleidung, Handschuhen und unter warmen OP-Lampen. Häufig arbeitet man dabei in sehr beengten räumlichen Situationen im Team. Nach langen Eingriffen verlässt das gesamte OP-Team den Saal nicht selten erschöpft und verschwitzt. Auch die Dienste waren häufig anstrengend. Nicht selten arbeitete ich die ganze Nacht durch oder kam nur auf wenige Stunden Schlaf.

Frauen in Führungspositionen waren damals noch eher selten, besonders in manchen chirurgischen Fachgebieten. Inzwischen hat sich das deutlich verändert, und heute gibt es viele sehr kompetente Chirurginnen in leitenden Positionen.

Der Moment der Veränderung

Nach einiger Zeit merkte ich, dass meine Unzufriedenheit wuchs. Ich hatte das Gefühl, beruflich nicht richtig voranzukommen. Ein großer Teil meiner Arbeit bestand aus Stationsaufgaben, und teilweise hatte ich bis zu neun Dienste im Monat, kaum OP-Zeit. Als ein Kollege, mit dem ich sehr gerne zusammengearbeitet hatte, dann auch noch die Klinik verließ, kam der Moment, in dem ich mich fragte: Was mache ich hier eigentlich?

In diesem Moment fühlte es sich an, als würde ein Schalter umgelegt. Mir wurde klar: Ich brauche eine Veränderung. Ich wechselte die Klinik und zog um. Doch auch dort wurde es aus verschiedenen Gründen nicht besser. Ich bewarb mich erneut in verschiedenen chirurgischen Abteilungen, aber es funktionierte nicht. Die Tür, vor der ich gestanden hatte, schien sich geschlossen zu haben.

In dieser Phase entdeckte ich im Deutschen Ärzteblatt eine Stellenanzeige der Uniklinik, an der alles für mich begonnen hatte. Gesucht wurden AssistenzärztInnen in der Anästhesie. Es fühlte sich an, als hätte sich eine andere Tür geöffnet. Ich bewarb mich – und bekam die Stelle. So wechselte ich nach sechs lehrreichen Jahren in der Chirurgie in die Anästhesie.

Ein neues Arbeitsfeld: die Anästhesie

Zu Beginn hätte ich mich für eine Stelle in der Anästhesie vermutlich nicht an einem kleineren Haus beworben, weil ich mir die Tätigkeit dort weniger abwechslungsreich vorgestellt hatte. Der Schritt an die Uniklinik war für mich eine sehr gute Entscheidung, denn ich erhielt dort eine breite und fundierte Facharztausbildung, von der ich heute als Vertretungsärztin sehr profitiere.

Auch die Anästhesie ist körperlich und mental anspruchsvoll. Gleichzeitig bietet sie viele unterschiedliche Einsatzbereiche und ein breites medizinisches Spektrum. Nach einigen Jahren stellte ich mir jedoch erneut die Frage, wie ich langfristig arbeiten möchte. Ich wünschte mir noch einmal eine Veränderung. Nach insgesamt sechseinhalb Jahren an der Uniklinik entschied ich mich daher, als Honorarärztin bzw. Vertretungsärztin zu arbeiten und verschiedene Kliniken in Deutschland kennenzulernen.

Diese Tätigkeit ist sehr abwechslungsreich. Ich lerne viele unterschiedliche Häuser, Teams und Arbeitsweisen kennen. In jeder Klinik achte ich darauf, wie das Haus organisiert ist, wie die Führungskultur aussieht, wie die Zusammenarbeit im Team funktioniert und wie mit neuen KollegInnen umgegangen wird. Dabei lerne ich fachlich und menschlich immer wieder Neues dazu.

Tatsächlich arbeiten viele Ärztinnen in der Anästhesie, auch weil sich in diesem Fachgebiet häufig flexible Arbeitszeitmodelle umsetzen lassen. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten zur Niederlassung in der Anästhesie etwas eingeschränkter als in manchen chirurgischen Fachgebieten.

Neue Erfahrungen als Arzt oder Ärztin

Flexible Einsätze, übertarifliches Gehalt und volle Kontrolle über die eigene Arbeitszeit: Mit doctari gestalten ÄrztInnen ihren Berufsalltag selbst. Neue Einrichtungen kennenlernen, Einsätze einfach per App organisieren und dabei auf persönliche Betreuung zählen.

Anmelden und glücklich werden als Arzt!

Erfahrungen mit Führung und Teamkultur

Im Laufe meiner Ausbildung habe ich sehr unterschiedliche Führungsstile erlebt – und gemerkt, wie stark sie den Klinikalltag prägen. Einige Führungskräfte gehen sehr vorsichtig vor und suchen häufiger den Austausch im Team, andere treffen Entscheidungen schneller und direkter. Beide Herangehensweisen können funktionieren, wenn sie respektvoll und klar kommuniziert werden.

Ich selbst erinnere mich lebhaft an eine Situation im OP mit einem Oberarzt, der mich aus heiterem Himmel ungerechtfertigt angeschrien hat. Es war in der Abteilung bekannt, dass dieser Kollege gerade gegenüber Mitarbeiterinnen häufiger sehr streng auftrat. Solche Erfahrungen zeigen, wie unterschiedlich Teamkulturen und Hierarchien von Abteilung zu Abteilung sein können. Sie hängen stark von den beteiligten Personen und der Führung ab.

Heute gibt es deutlich mehr Ärztinnen in Führungspositionen als noch vor einigen Jahren. Auch mit Kindern ist eine medizinische Karriere möglich, wenn auch manchmal mit zusätzlichen Herausforderungen. In manchen Kliniken habe ich allerdings erlebt, dass ÄrztInnen in Vollzeit bei Beförderungen bevorzugt wurden, während KollegInnen in Teilzeit seltener berücksichtigt wurden.

doctari Podcast "Stationäre Aufnahme"

Aline Horn berichtet hier von ihrem Alltag als Anästhesistin in Zeitarbeit und verrät ihre persönlichen Tipps und Tricks, um sich schnell und einfach an die ständig wechselnden Krankenhäuser, Führungsstile und Routinen zu gewöhnen. Anhand verschiedener Einblicke in ihr Leben zeigt sie, wie die Zeitarbeit für sie eine Chance auf bessere Prozesse und frische Perspektiven eröffnet hat.

Jetzt anhören

Rückblick und persönliche Erkenntnisse

In den letzten Jahren hat sich bereits vieles verbessert. Dennoch gibt es im Klinikalltag manchmal noch Unterschiede in der Wahrnehmung oder Behandlung von Ärztinnen und Ärzten. Für mich persönlich hat sich mein beruflicher Weg sehr positiv entwickelt. Ich bin heute zufriedener und habe einen Arbeitsstil gefunden, der besser zu mir passt – mit mehr Gelassenheit, Teamgeist und Vertrauen in die eigene Erfahrung.

Ein autoritärer Führungsstil ist aus meiner Sicht nicht notwendig, um respektiert zu werden. Freundlichkeit, Klarheit und Zusammenarbeit im Team zahlen sich langfristig aus. Rückblickend habe ich es nie bereut, zunächst in der Chirurgie gearbeitet zu haben. Manchmal zeigt sich erst im Ausprobieren, welcher Weg wirklich zu einem passt. Und auch dabei verliert man keine Zeit, denn gerade über Umwege macht man neue Erfahrungen und entwickelt sich persönlich und beruflich weiter.

Mein Wunsch ist, dass mehr ÄrztInnen die Möglichkeit bekommen, Führungskompetenzen zu entwickeln und dass starre, autoritäre Strukturen in der Medizin weiter abgebaut werden.

Und ich wünsche mir, dass Ärztinnen ihren Träumen folgen, den Mut haben, diese umzusetzen und sich von niemandem einreden lassen, was alles nicht geht. Manchmal bedarf es auch nur der eigenen Erlaubnis. Haben Sie sich schon mal ganz bewusst folgende Fragen gestellt? "Wie hätte ich es denn gerne?" und dann "Wie kann es gehen?". 

Titelbild: iStock.com/Wavebreakmedia

Aline Horn

Aline Horn, Anästhesistin

Fachärztin für Anästhesiologie

Inhaltsverzeichnis
Teilen

Mehr zum Thema

Tag des Notrufs
Eine Nummer für Notfälle: Die Geschichte der 112

Der Tag des Notrufs am 11.02. ist perfekt, um klarzumachen: Hilfe ist näher, als man denkt. Es ist ein Datum, das man sich gut merken kann. Wie die Nummer selbs…

Zum Artikel >
112 steht auf der Seite eines Rettungswagens
Technologien
KI in der Medizin: Wo sie Ärztinnen und Ärzte unterstützen kann

KI spielt in der Medizin eine immer größere Rolle: Wir stellen hier Tools und Trends vor, die Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräfte ihre Arbeit erleichtern.

Zum Artikel >
KI revolutioniert die Medizin
Alle Infos
Letzte-Hilfe-Kurs: So steht man Sterbenden bei

Ein Letzte-Hilfe-Kurs vermittelt Wissen zur Begleitung sterbender Menschen. Wir erklären hier, was der Kurs umfasst, für wen er gedacht ist, wo Sie Termine find…

Zum Artikel >
Die Hände einer jungen Personen fassen fest die Hände eines sterbenden Menschen im Rahmen einer Sterbebegleitung
Aggressive PatientInnen
Deeskalation: 7 Tipps für medizinisches Personal

Beschimpfungen, Drohungen und Gewalt gegenüber medizinischem Personal gehören in vielen Kliniken zum Alltag. Wir geben Tipps, wie man solche Situationen entschä…

Zum Artikel >
Junge medizinische Fachkraft kreuzt vor ihrem Körper beide Zeigefinger zur Abwehr
Medizin
10 medizinische Meilensteine 2025

Die zehn wichtigsten medizinischen Entwicklungen 2025 – von neuen Therapien und Forschungsergebnissen bis zu Leitlinien-Updates, Technologie und Gesundheitspoli…

Zum Artikel >
Applaudierende, lachende medizinische Fachkräfte
Ausblick 2026
Die sieben größten Veränderungen im Gesundheitssystem

2026 bringt tiefgreifende Reformen im deutschen Gesundheitswesen. Diese sieben Veränderungen betreffen besonders medizinische Mitarbeitende und PatientInnen.

Zum Artikel >
Medizinische Fachkräfte im Krankenhausflus