Klinikalltag

Patienten mit Demenz besser unterstützen

Ein Mann und eine Frau machen leichte, motorische Übungen, eine Schwester leitet sie an
Amely Schneider | 26.11.2025 | Lesedauer: 5 Minuten

Immer mehr Menschen mit Demenz werden in deutschen Krankenhäusern behandelt und sind da oft verunsichert und orientierungslos. So können sich Kliniken besser darauf einstellen.

Fremde Gesichter, ungewohnte Geräusche, ein neuer Tagesablauf – für Demenzkranke kann ein Krankenhausaufenthalt verwirrend sein. Er reißt sie aus ihrer gewohnten Umgebung und den vertrauten Routinen. Das führt nicht selten dazu, dass sich typische Symptome wie Unruhe, Orientierungslosigkeit oder Aggressivität verschlimmern.

Laut dem Krankenhausreport 2025 der der BARMER-Krankenkasse leiden bereits sieben Prozent aller PatientInnen in deutschen Kliniken an Demenz. Eine Studie der Robert Bosch Stiftung aus dem Jahr 2019 zeigte: Rund 18 Prozent der KrankenhauspatientInnen über 65 Jahre sind demenzkrank.

Zahl der Demenzpatienten in Kliniken steigt

In einer Gesellschaft, die immer älter wird, wird sich dieses Problem weiter verschärfen. Im Jahr 2023 gab es in Deutschland etwa 1,84 Millionen Menschen mit einer Demenzdiagnose. Bis zum Jahr 2050 könnte diese Zahl Schätzungen zufolge auf bis zu 2,8 Millionen ansteigen. Die meisten Krankenhäuser in Deutschland sind darauf nur unzureichend vorbereitet. Hinzu kommt, dass eine Demenzerkrankung bei der Aufnahme häufig nicht bekannt ist. Das Personal wird davon überrascht und kann nicht proaktiv handeln. Was können Krankenhäuser tun, um besser gewappnet zu sein?

Nähe schaffen durch Interesse an persönlicher Geschichte

In spezifischen Schulungen lernen ÄrztInnen und Pflegekräfte, ein Bewusstsein für die besonderen Bedürfnisse von kognitiv beeinträchtigten Menschen zu entwickeln. So können sie erste Anzeichen der Überforderung oder Unruhe frühzeitig erkennen und entsprechend reagieren. Vor allem Pflegekräfte können für Demenzkranke ein wichtiger Anker sein, indem sie Sicherheit, Orientierung und emotionale Stabilität vermitteln. Dabei spielt die Kommunikation eine große Rolle.

  • Klare, geduldige und respektvolle Sprache, die Missverständnisse vermeidet, Sicherheit und Orientierung gibt.
  • Einfache, kurze Sätze, keine Fachbegriffe
  • Aktives Zuhören: Aufmerksamkeit zeigen, Bedürfnisse erkennen
  • Nonverbale Kommunikation, Mimik, Gestik und Tonfall bewusst einsetzen
  • Gespräche spiegeln („Ich höre, Sie fühlen sich gerade traurig.“)

Um eine bessere Beziehung zu den PatientInnen aufzubauen, lohnt es sich insbesondere bei Demenzkranken, sich für ihre Biografie zu interessieren und diese in die Pflege einzubeziehen. Kurze Gespräche über Familie, Musikvorlieben, Feiertage oder vergangene Ereignisse können beruhigend wirken. Die Biografie kann auch Teil der Alltagsgestaltung sein, indem Bilder, Musik oder Gegenstände aus der Vergangenheit eingebunden werden.

Dem Tag durch Aktivitäten Struktur verleihen

Niedrigschwellige Beschäftigungsangebote strukturieren den Tagesablauf und geben den PatientInnen mehr Sicherheit. Demenzexperten empfehlen etwa die „10-Minuten-Aktivierung“, um Unruhe zu vermeiden. Dabei wird die Aufmerksamkeit ein paar Minuten auf einfache Tätigkeiten gelenkt:

  • Gemeinsames Summen oder Singen eines bekannten Liedes
  • Rätsel, Memory, einfache Rechenaufgaben
  • Sanfte Bewegungen zur Lockerung (z. B. Schultern kreisen lassen)
  • Kurze Atemübung: tief ein- und ausatmen
  • Handgymnastik: Hände öffnen und schließen, Finger spreizen, kreisen lassen
  • Tanzen zu Musik
  • Pflanzenpflege
  • Einfache Bastelarbeiten

Erste Modellprojekte zeigen Verbesserung der Betreuung von Demenzkranken

Manche Kliniken erproben bereits Modelle, die die Versorgung von Demenzkranken verbessern sollen. So startete zum Beispiel im Roten-Kreuz-Krankenhaus Bremen ein Pilotprojekt zur Vormittagsbetreuung von Menschen mit Demenz. Zwischen 8 und 12:30 Uhr, wenn auf der Station besonders viel los ist, kümmern sich speziell geschulte Pflegekräfte um bis zu acht PatientInnen in einem geschützten, wohnlich gestalteten Raum.
Ihre Arbeit entlastet die KollegInnen, weil sie die dementen PatientInnen sicher aufgehoben wissen. Im Betreuungsraum frühstücken sie gemeinsam, singen, lesen, malen oder erzählen. Das sorge für emotionale Stabilität und reduziere Unruhe und nächtliche Verwirrtheit deutlich.

Farbe, Licht und Raum: eine Krankenstation, die Sicherheit gibt

Um zu vermeiden, dass sich DemenzpatientInnen verirren, ihre Zimmer oder die Toiletten nicht finden, sollten Stationen so gestaltet sein, dass sie möglichst viel Orientierung bieten. Dazu gehören klare Beschilderungen und ausreichend Beleuchtung. Zum besseren Erkennen der Umgebung und wichtiger Raumelemente haben sich bei älteren PatientInnen auch Kontraste bewährt. Akzente in kräftigen Farben an Handläufen, Lichtschaltern und Notrufdrückern helfen bei der Orientierung besser als die üblichen Weißtöne.
Gute Erfahrungen werden auch mit einer neuartigen Kennzeichnung der Zimmertüren gesammelt. Neben größeren Zimmernummern nutzen manche Krankenhäuser große Fotos von regional bekannten Sehenswürdigkeiten, Blumen oder Gegenständen, die innen und außen an den Türen hängen. So werden Räume zum „Rathauszimmer“ oder „Sonnenblumenzimmer“ – etwas, das sich gerade vergessliche Menschen leichter merken können als eine dreistellige Zahl. Im Patientenzimmer selbst können vertraute Gegenstände von zu Hause, Fotos oder Dekoration den Raum wiedererkennbarer machen.

Demenzbeauftragte als Brücke zwischen PatientIn und Team

Damit der Krankenhausaufenthalt für demente PatientInnen so schonend wie möglich verläuft, benennen manche Krankenhäuser Demenzbeauftragte. Die entsprechend geschulten MitarbeiterInnen kümmern sich gezielt um die besonderen Bedürfnisse der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Ihre Rolle kann von Krankenhaus zu Krankenhaus unterschiedlich sein. Einige nehmen ihre Aufgabe direkt am Patientenbett wahr, begleiten zu Untersuchungen, bieten Betreuungs- und Beschäftigungsangebote an oder kümmern sich darum, dass die Räumlichkeiten demenzgerecht eingerichtet sind.

In einem Krefelder Krankenhaus wurden 90 Mitarbeitende zu „Demenzansprechpartnern (DEMAP)“ geschult. Sie haben vor allem die Aufgabe, Menschen mit kognitiven Störungen zu erkennen und sicherzustellen, dass ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden. Werden auf der Station bei einem Patienten Anzeichen einer Demenz bemerkt, wenden sie sich an einen „Demenzkoordinator (DEMKO)“, eine erfahrene Fachärztin oder einen Facharzt.

Helfende Hände durch Einbindung von Ehrenamtlichen

Manche Krankenhäuser beziehen ehrenamtliche Mitarbeitende aktiv in den Pflegeprozess ein. An der Universitätsmedizin Göttingen, der Charité Berlin und der Uniklinik Mannheim unterstützen speziell geschulte Notaufnahmelotsen ältere PatientInnen mit Demenz. Die Lotsen begleiten sie zu ihren Untersuchungen, reichen Getränke, lesen vor, halten die Hand oder sorgen für Ablenkung – mit messbar positiven Effekten auf Orientierung und Stimmung, wie eine Untersuchung ergab. Sie helfen, Ängste zu verringern und entlasten zugleich das medizinische Personal.

Warum demenzsensible Krankenhäuser dringend nötig sind

Studien weisen darauf hin, dass ein Krankenhausaufenthalt für Menschen mit Demenz mit deutlich schlechteren Behandlungsergebnissen verbunden ist als für andere Patientengruppen. Die Krankenhausaufenthalte dauern länger als bei PatientInnen ohne Demenz. Es kommt zu Einbrüchen bei kognitiven Funktionen und der Fähigkeit, sich selbst zu versorgen. Die Betroffenen weisen eine höhere Sterblichkeit sowohl während des Klinikaufenthalts als auch im Verlauf des darauffolgenden Jahres auf.

Demenzsensible Maßnahmen in Krankenhäusern sind also kein „Luxus“, sondern im Hinblick auf viele Aspekte notwendig: Sie reduzieren Stress, Unruhe und Stürze, erleichtern die Arbeit des Personals, steigern den Behandlungserfolg und sparen so langfristig auch Kosten.

Titelbild: iStock.com/xavierarnau

Amely Schneider

Unsere Autorin Amely Schneider

Amely Schneider ist eine erfahrene Redakteurin und Journalistin. Sie schreibt am liebsten über wissenschaftliche Themen und alles rund um den Bereich Well-Beeing.

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