Geriatrie ist heute ein zentraler Bestandteil des Klinikalltags. Durch den demografischen Wandel steigt die Zahl hochaltriger PatientInnen mit Multimorbidität, Polypharmazie und funktionellen Einschränkungen deutlich. Klassische organbezogene Fachstrukturen stoßen dabei zunehmend an Grenzen. Interdisziplinäre geriatrische Ansätze, geriatrische Assessments und spezialisierte FachärztInnen mit Zusatzbezeichnung Geriatrie sind gesuchte SpezialistInnen und verbessern Therapieplanung, Mobilisation und Entlassmanagement.
Geriatrie als Kernkompetenz
Mit der demografischen Entwicklung steigt der Anteil hochaltriger, multimorbider PatientInnen kontinuierlich – und damit auch die Anforderungen an Kliniken und Personal. Geriatrische Expertise wird damit zu einem festen Bestandteil der stationären Versorgung. Entsprechend wächst der Bedarf ÄrztInnen mit der Zusatzbezeichnung Geriatrie.
Multimorbidität ist im höheren Lebensalter häufig die Regel. Deshalb gehört die Altersmedizin heute zum klinischen Alltag vieler Fachrichtungen und gilt zunehmend als Kernkompetenz in der Versorgung älterer PatientInnen.
Ein geriatrischer Patient oder eine Patientin ist dabei nicht allein über das Lebensalter definiert. Entscheidend sind vielmehr Multimorbidität, funktionelle Einschränkungen, Gebrechlichkeit, erhöhte Sturzgefahr, schlechtere Wundheilung, kognitive Defizite oder eine ausgeprägte Polypharmazie. Altersmedizin bedeutet daher mehr als die Behandlung einzelner Diagnosen. Sie umfasst die strukturierte Versorgung komplexer gesundheitlicher Gesamtsituationen. Im Mittelpunkt steht neben der Therapie von Erkrankungen vor allem der Erhalt der funktionellen Selbstständigkeit und Lebensqualität der PatientInnen.
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Demografischer Wandel und Multimorbidität
Der demografische Wandel verändert den Klinikalltag: Immer mehr ältere Menschen werden ins Krankenhaus aufgenommen. Aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts zeigen: 2023 lag der Anteil der KrankenhauspatientInnen über 80 Jahre bei 22 Prozent – eine Verdopplung gegenüber dem Jahr 2003.
In dieser Altersgruppe ist Multimorbidität besonders verbreitet: Über 90 Prozent der stationären PatientInnen haben zwei oder mehr chronische Erkrankungen gleichzeitig, wie Herzinsuffizienz, Diabetes mellitus, chronische Niereninsuffizienz, Arthrose oder beginnende Demenz. Bereits in der allgemeinen Bevölkerung gelten 40 Prozent der Erwachsenen als multimorbide, wobei die Prävalenz mit zunehmendem Alter weiter steigt.
Verweildauer und Pflegeaufwand
Die Alterung der Bevölkerung verstärkt diesen Trend weiter. Der Anteil der über 65-Jährigen in Deutschland wird bis 2030 von 23 Prozent auf ca. 29 Prozent steigen. Für Krankenhäuser bedeutet das, dass deutlich mehr ältere, multimorbide PatientInnen behandelt werden müssen. Diese PatientInnen bleiben zudem länger stationär: Laut AOK-Krankenhausreport 2023 liegt die durchschnittliche Verweildauer von PatientInnen über 80 Jahren bei 8,1 Tagen, fast doppelt so lange wie bei Patientinnen unter 60 Jahren (4,3 Tage).
Längere Liegezeiten erhöhen den Pflegeaufwand, den Bedarf an Therapie und die Notwendigkeit enger interdisziplinärer Abstimmung. Darauf müssen sich Krankenhäuser und Pflegepersonal einstellen.
Komplexität durch Multimorbidität
Multimorbidität verändert den Klinikalltag spürbar, weil Behandlungen komplexer werden. Statt einer einzelnen Diagnose stehen mehrere chronische Erkrankungen gleichzeitig im Fokus – oft mit widersprüchlichen Therapieanforderungen. Leitlinien greifen nur eingeschränkt, da sie meist krankheitsspezifisch formuliert sind.
Ein zentrales Thema bei Multimorbidität ist die Polypharmazie. Laut der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie betrifft sie über 50 Prozent der multimorbiden PatientInnen, mit einem erhöhten Risiko für Neben- und Wechselwirkungen. Medikationsanalysen und Deprescribing gehören daher zum klinischen Alltag.
Multimorbide PatientInnen reagieren zudem vulnerabler auf akute Ereignisse. Eine Infektion kann zu funktionellem Abbau, Delir oder Verlust der Selbstständigkeit führen. Frühmobilisation, aktivierende Pflege und interdisziplinäre Abstimmung gewinnen dadurch an Bedeutung. Fragen nach Lebensqualität, Belastbarkeit und Patientenwillen rücken stärker in den Vordergrund.
Fachstrukturen stoßen an Grenzen
Organbezogene Fachstrukturen in Kliniken stoßen bei hochbetagten PatientInnen an Grenzen. Einzelne FachspezialistInnen berücksichtigen oft nur Leitlinien ihres Fachgebiets und übersehen möglicherweise Wechselwirkungen zwischen Erkrankungen.
Zudem spielen funktionale Faktoren wie Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität eine zentrale Rolle, die in organzentrierten Ansätzen oft zu kurz kommen. Effektive Versorgung erfordert daher ganzheitliche, interdisziplinäre Ansätze wie in der Geriatrie.
Ein geriatrisches Assessment liefert eine ganzheitliche Sicht auf den Patienten, die klassische Diagnostik oft nicht abbildet. Während Labore, Bildgebung und organbezogene Tests vor allem einzelne Krankheiten erfassen, betrachtet das Assessment funktionelle, kognitive und soziale Aspekte des Alltags. Das geriatrische Assessment umfasst:
🚶Mobilität: z. B. Timed-Up-and-Go-Test zur Erkennung von Sturzrisiken
🧠 Kognition: z. B. Mini-Mental-Status-Test zur Früherkennung von Demenz oder Delir
🛀 Alltagskompetenz: z. B. Barthel-Index oder ADL-Assessment zur Bewertung der Selbstständigkeit
💊 Polypharmazie: Überprüfung von Wechselwirkungen und Nebenwirkungen
🍛Ernährungsstatus: Identifikation von Mangelernährung, die die Genesung behindern kann
Das Assessment unterstützt gezielte Therapieziele, Mobilisation, Medikationsmanagement und Entlassungsplanung.
Schnittstellen und Versorgungsbrüche
Die größten Versorgungsbrüche entstehen oft an Übergängen zwischen Aufnahme, Stationen oder bei der Entlassung in die ambulante Versorgung. Laut Studien gehen bis zu 25 Prozent der klinisch relevanten Informationen dabei verloren, darunter Medikation, Diagnosen und Therapiepläne. Eine verlängerte Verweildauer durch Multimorbidität erhöht zusätzlich das Risiko für Funktionsverlust, Infektionen und Komplikationen. Nach der Entlassung steigt die Gefahr der Rehospitalisierung, wenn das Entlassmanagement unzureichend ist.
Facharzt mit der Zusatzqualifikation Geriatrie
Die Zusatzbezeichnung Geriatrie wird in Deutschland nach den Richtlinien der Bundesärztekammer vergeben. FachärztInnen aus Bereichen wie Allgemeinmedizin, Innerer Medizin oder Neurologie absolvieren eine ca. 18-monatige Weiterbildung in einer geriatrischen Einrichtung. Die Weiterbildung basiert auf der Muster-Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer und wird von den Landesärztekammern organisiert. Je nach Bundesland können inhaltliche Details leicht variieren.
Chancen für Fachkräfte in der Zeitarbeit
Zeitarbeit bietet medizinischen Fachkräften wie ÄrztInnen, Pflegefachkräften oder medizinischen TechnologInnen die Möglichkeit, ihre Einsätze flexibel zu gestalten und unterschiedliche geriatrische Settings kennenzulernen. Die hohe Flexibilität bei Arbeitszeit und Einsatzort hilft Fachkräften, ihre Präferenzen umzusetzen, und unterstützt Kliniken dabei, kurzfristige Personallücken zu schließen. Gleichzeitig fördert die Arbeit in interdisziplinären Teams wertvolle berufliche Erfahrungen.
FAQ Fachbereich Geriatrie
Warum gewinnt Geriatrie im Klinikalltag zunehmend an Bedeutung?
Die Altersstruktur der Bevölkerung verändert sich deutlich. Der Anteil der über 80-jährigen KrankenhauspatientInnen lag 2023 bei rund 22 % und hat sich seit 2003 etwa verdoppelt. Gleichzeitig steigt der Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung insgesamt: Bis 2030 werden rund 29 % der Menschen in Deutschland über 65 Jahre alt sein.
Mit zunehmendem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit für Multimorbidität, also das gleichzeitige Auftreten mehrerer chronischer Erkrankungen. Diese Entwicklung erhöht die Anforderungen an Diagnostik, Therapie und interdisziplinäre Zusammenarbeit im Krankenhaus erheblich.
Welche ExpertInnen gibt es im Bereich Geriatrie?
Die Versorgung älterer PatientInnen ist in der Regel interdisziplinär organisiert. Neben FachärztInnen für Geriatrie arbeiten verschiedene Berufsgruppen zusammen, um medizinische, funktionelle und soziale Aspekte der Gesundheit zu berücksichtigen. Typische ExpertInnen im geriatrischen Team sind:
1. FachärztInnen mit Zusatzbezeichnung Geriatrie
Diese ÄrztInnen verfügen nach ihrer Facharztausbildung über eine zusätzliche Weiterbildung in Altersmedizin. Sie koordinieren häufig die Behandlung multimorbider PatientInnen, führen geriatrische Assessments durch und stimmen Therapien zwischen verschiedenen Fachrichtungen ab.
2. Pflegefachkräfte mit geriatrischer Expertise
Pflegefachkräfte spielen eine zentrale Rolle in der geriatrischen Versorgung. Sie beobachten funktionelle Veränderungen, unterstützen Mobilisation und aktivierende Pflege und begleiten PatientInnen im Alltag der stationären Behandlung.
3. PhysiotherapeutInnen und ErgotherapeutInnen
Sie fördern Mobilität, Selbstständigkeit und Alltagskompetenzen. Ziel ist es, funktionelle Fähigkeiten zu erhalten oder wiederherzustellen und das Risiko für Stürze oder Pflegebedürftigkeit zu reduzieren.
4. LogopädInnen
Bei älteren PatientInnen treten häufig Schluckstörungen oder Sprachstörungen auf, beispielsweise nach Schlaganfällen oder bei neurodegenerativen Erkrankungen. LogopädInnen unterstützen Diagnostik und Therapie dieser Einschränkungen.
5. PsychologInnen und NeuropsychologInnen
Sie helfen bei der Diagnostik und Behandlung kognitiver Störungen, Demenz oder Delir sowie bei psychischen Belastungen im Alter.
Durch die Zusammenarbeit dieser ExpertInnen entsteht eine ganzheitliche Versorgung, die nicht nur einzelne Erkrankungen behandelt, sondern auch Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität älterer PatientInnen berücksichtigt.
Gibt es den Facharzt für Geriatrie in Deutschland?
Einen eigenständigen Facharzt für Geriatrie gibt es in Deutschland nicht. Allerdings existiert in einigen Bundesländern (Berlin, Sachsen-Anhalt und Brandenburg) der Facharzt für „Innere Medizin und Geriatrie“, der eine spezialisierte Facharztausbildung mit geriatrischem Schwerpunkt darstellt. Alternativ kann die Zusatzbezeichnung „Geriatrie“ nach einer Facharztausbildung (z. B. Innere Medizin, Allgemeinmedizin) erworben werden.
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