Florence Nightingale

Aufbruch in die moderne Zeit: Krankenpflege und Medizin um 1820

Statue von Florence Nightingale mit Lampe
18.3.2022 | Lesedauer: 5 Minuten

Vor etwa 200 Jahren veränderten sich ärztliche Behandlung und Krankenpflege gravierend. Ein Blick zurück auf die Menschen, die den Bereich reformierten.

Krankenhäuser um 1820 - kein Ort, an dem man sein wollte

1820 - im Geburtsjahr der Pionierin des professionellen Krankenpflegewesens, Florence Nightingale war der Aufenthalt in einem Krankenhaus etwas, das man lieber vermied. Wer immer es sich leisten konnte, ließ sich zu Hause von einem Arzt behandeln und von der Familie pflegen. Das ist wenig verwunderlich: Krankenhäuser galten weniger als professionelle medizinische Einrichtungen, sondern als letzte Zuflucht für alle, die im Krankheitsfall keine ausreichenden Ressourcen und familiäre Unterstützung hatten.

Dennoch wurde der Zulauf immer größer, da mit Beginn der Industrialisierung viele Menschen vom Land in die Städte strömten, um dort Arbeit zu finden. Die Behandlung im Krankenhaus war aus heutiger Sicht nicht nur unzureichend, sie wurde oft mit einer zusätzlichen Erkrankung bezahlt.

Zeitgenössische Beschreibungen vertiefen diesen Eindruck recht anschaulich. Von überfüllten, stickigen Zehn- bis Zwölfbettzimmern und Sälen ist da die Rede, von Krätze und Wundfieber, die sich unter den PatientInnen ausbreiteten, von schmerzhaften chirurgischen Eingriffen ohne Narkose, von unzureichender Wundversorgung, Gestank und Elend. Frisch Operierte wurden auf Strohsäcken gelagert, Pfleger kamen ärztlichen Anordnungen nicht nach, die Sterblichkeit war hoch.

Florence Nightingale besucht einen kranken Mann in einem vollen Krankensaal

Vom Hospiz zum Krankenhaus

Trotz der beschriebenen Zustände war ein Krankenhaus von 1820 in vieler Hinsicht ein Fortschritt zu seinem Vorgänger, dem mittelalterlichen Hospiz. Bis weit ins 18. Jahrhundert war die Krankenpflege dort nur eine Nebentätigkeit, die Armenfürsorge stand im Mittelpunkt. Eine geregelte Ausbildung von Pflegekräften gab es kaum. Das inspirierte Ärzte und vielfach auch bürgerliche Frauen, denen eine Berufsausbildung trotz höherer Bildung weitgehend verwehrt war, zu praktischen Verbesserungen in der Krankenversorgung.

Die Engländerin Florence Nightingale war eine von ihnen. Schon früh begleitete sie ihre Mutter und ihre Gouvernante auf Krankenbesuchen. Die gravierenden Mängel, die in der Versorgung von Kranken im England des frühen 19. Jahrhunderts bestanden, blieben ihr nicht verborgen.

Gegen den Widerstand ihrer Familie organisierte sie 1851 eine Hospitation in der Kaiserswerther Diakonie, einer für damalige Verhältnisse vorbildlichen Institution und eine der ersten professionellen Ausbildungsstätten für Krankenpflege in Deutschland. Dort erwarb sie Kenntnisse in Hygiene und Wundversorgung und in der Pflege Erkrankter und durfte bei Operationen assistieren: Ein erster Schritt auf dem Weg zur Reformerin des Sanitätswesens und der Krankenhausorganisation war gesetzt.

Aus „Heilkunst” wird medizinische Wissenschaft

Rudolf Virchow, ein Zeitgenosse von Florence Nightingale, sah sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Der 1821 geborene Begründer der Zellularpathologie – seine Erkenntnis, dass Krankheiten auf Störungen der Körperzellen beruhen, löste die bis dahin gängigen Theorien über schädliche Körpersäfte und Miasmen als Krankheitserreger ab – war auch Hygieniker. Er setzte sich für eine allgemeine Gesundheitsvorsorge ein und veranlasste die Einrichtung kommunaler Krankenhäuser in Berlin. Wie Nightingale plädierte er für eine Professionalisierung der Pflegeausbildung.

Vor allem aber war Virchow ein Verfechter der wissenschaftlichen Medizin. Diese stand Anfang des 19. Jahrhunderts in Konkurrenz zum aufkommenden Trend der „Medizin der Romantik” – einer medizinischen Denkschule, die sich an die romantische Naturphilosophie anlehnte. Gleichzeitig gab es in der Heilkunst ab 1800 einige wichtige Entwicklungen, die bis heute nicht an Bedeutung eingebüßt haben:

  • die Perkussion der Lunge, Mitte des Jahrhunderts vom Österreicher Leopold von Auenbrugger entwickelt
  • die Auskultation mittels Stethoskop, eine Erfindung des französischen Arztes René Laennec

Beises sind seither etablierte diagnostische Basistechniken. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus vielen unterschiedlichen Bereichen setzten sich zunehmend durch und beeinflussten die Medizin:

  • Darwins Evolutionstheorie, die den Grundstein für die Genetik legte
  •  die Keimtheorie von Ignaz Semmelweis, mit der das Kindbettfieber besiegt wurde
  • Edward Jenners Pockenimpfung
  • die Forschungsarbeiten von Robert Koch und Louis Pasteur, die die Grundlage zur Bekämpfung gefährlicher Infektionskrankheiten lieferten

Sie alle revolutionierten die Heilkunst des 19. Jahrhunderts und führten sie auf den Weg zur evidenzbasierten Medizin von heute.

Florence Nighingale sitzend

Florence Nightingale revolutionierte die Pflege

Auch die Krankenpflege nahm den Weg der Wissenschaftlichkeit. Heute kann man Pflege nicht nur lernen, sondern auch studieren: Pflegemanagement und Pflegewissenschaften sind längt anerkannte akademische Ausbildungsgänge. Daran hat die Arbeit von Florence Nightingale ihren Anteil: Nach ihrer Ausbildung in der Kaiserswerther Diakonie sammelte sie weitere praktische Erfahrungen in Pariser Krankenhäusern und übernahm schon kurz darauf die Leitung eines Pflegeheimes in London. Ihre Bewährungsprobe bestand Nightingale schließlich bei der Organisation der Pflege schwer verletzter Soldaten aus dem Krim-Krieg.

Entgegen dem verklärten Bild der sich aufopfernden „Lady with the Lamp”, die sich spät abends noch persönlich nach dem Wohlergehen der ihr anvertrauten Verwundeten erkundigt, war Nightingale aber selbst nur sehr wenig in der Pflege tätig. Als wichtigste Aufgabe erschien es ihr vielmehr, organisatorisch einzugreifen: Die Verwundeten brauchten frische Luft, saubere Kleidung, geeignetes Verbandsmaterial und Medikamente, sauberes Trinkwasser und auch psychische Unterstützung.

Nach ihrer Rückkehr nach England – nun nach eigener Erkrankung körperlich eingeschränkt – begann sie, sich der wissenschaftlichen Seite der Krankenpflege zu widmen. Neben der Einrichtung einer praxisorientierten Krankenpflegeschule am St. Thomas' Hospital in London beschäftigte sie sich vor allem mit Daten, Statistiken und Epidemiologie sowie mit der Frage, wie Krankenhäuser am effektivsten zu führen seien. Im Wesentlichen ist ihr Beitrag zur Reform der Krankenpflege und der Pflegeausbildung somit ein wissenschaftlicher – auch wenn sie selbst keine akademische Ausbildung genossen hat.

Mit ihrer systematischen Datenerhebung und Dateninterpretation im Gesundheitsbereich hat sie ebenfalls Pionierarbeit geleistet: Unter anderem entwickelte sie das sogenannte „Polar-Area-Diagram”, eine Grafik zur Datenvisualisierung. Ihre umfassenden statistischen Erhebungen brachten ihr 1858 als erster Frau eine Mitgliedschaft in der „Royal Statistical Society” ein. Verdienterweise – denn ohne solche statistischen Kenntnisse wäre eine Tätigkeit als Pflegewissenschaftlerin oder Pflegemanager auch heute undenkbar.

Aufgrund ihrer lebenslangen Verdienste um die Professionalisierung der Krankenpflege begehen wir jedes Jahr an ihrem Geburtstag, dem 12. Mai, den internationalen Tag der Krankenpflege.

Bildquelle (von oben nach unten): iStock.com/TonyBaggett, iStock.com/whitemay, iStock.com/GeorgiosArt

Inhaltsverzeichnis
Teilen
Mehr zum Thema
Hilfsprojekt in Afrika
Als Krankenpfleger im OP-Einsatz in Kamerun

Alexander Derksen verbringt seine freie Zeit regelmäßig mit Hilfsprojekten in Kamerun. Dabei lernt der Fachkrankenpfleger auch viel für seine Arbeit in Deutschl…

Zum Artikel >
Ein Team von ÄrztInnen und Pflegerkräften in einem provisorischen OP-Saal in Afrika
Medizingeschichte
Die Geschichte der Radiologie

Die Entdeckung der Röntgenstrahlung geschah zufällig und veränderte die Medizingeschichte. Plötzlich war kein Skalpell mehr nötig, um in den Körper zu blicken.

Zum Artikel >
Eine Vielzahl an Röntgenbildern zeigt verschiedene menschliche Körperteile.
Arztdichte in Deutschland
Wo gibt es viele ÄrztInnen? Wo mangelt es?

Das deutsche Gesundheitssystem ist weltbekannt. Gut ausgebildete ÄrztInnen und Pflegekräfte, renommierte Kliniken und eine der höchsten Arztdichten der Welt.

Zum Artikel >
Mehrere Ärztinnen und Ärzte in weißen Kitteln lächeln in die Kamera
Gewalt gegen Ärzte und Pflegekräfte
Aggressionen gegen medizinische Fachkräfte

Der Widerspruch könnte kaum größer sein: Sie wollen anderen Menschen helfen, doch statt Dank erleben manche medizinischen Fachkräfte Aggressionen und Gewalt.

Zum Artikel >
Ein Mann in einem Krankenhaus wird handgreiflich und wird von einem anderen Mann festgehalten.
Interkulturelle Medizin
Mit Empathie und Respekt gegen Vorurteile

Bei der Behandlung von PatientInnen erschweren manchmal nicht nur Sprachbarrieren die Verständigung, sondern auch kulturelle Unterschiede.

Zum Artikel >
Hände mit verschieden farbiger Haut umfassen jeweils den Arm einer anderen Hand. In der Mitte ist ein Herz zu sehen.
Kommunikation
So äußert man Kritik an Kollegen

Andere auf ihre Fehler hinzuweisen, fällt schwer. Doch konstruktives Kritisieren gehört zu einem gesunden Arbeitsalltag dazu. 5 Tipps für konstruktive Kritik.

Zum Artikel >
Junge Ärztin spricht auf dem Krankenhausflur mit einem Kollegen.
Werden Sie jetzt Teil von doctari und finden Sie Ihren Traumjob