Stationäre Aufnahme Folge 1: Psychiater Dr. Marcel von Rauchhaupt

„Psychiater braucht das Land"

Wer ist Dr. Marcel von Rauchhaupt?

Dr. Marcel von Rauchhaupt ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Aufgewachsen im Ruhrgebiet, absolvierte er dort sein Medizinstudium und promovierte später im Bereich der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Seine klinische Weiterbildung führte ihn über mehrere Jahre durch verschiedene Einrichtungen, in denen er Erfahrungen in den Bereichen Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie sammelte, bevor er Anfang 2024 die Facharztanerkennung für Psychiatrie und Psychotherapie erhielt. Ergänzend ist er unter anderem für die Elektrokrampftherapie und die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) zertifiziert und als psychiatrischer Sachverständiger für ein breites Spektrum straf-, sozial-, betreuungs- und zivilrechtlicher Fragestellungen tätig.

Seit 2019 ist Marcel regelmäßig in ganz Deutschland als medizinische Zeitarbeitskraft für doctari im Einsatz, in inzwischen über 15 Städten und in Fachbereichen von der Erwachsenen- über die Kinder- und Jugendpsychiatrie bis hin zur Forensik und zum öffentlichen Gesundheitswesen. Marcel war in Folge 1 der erste Gast der Stationären Aufnahme. Er hat uns mitgenommen in einen Berufsalltag, der von schweren Krisen, knappen Ressourcen sowie großen Emotionen geprägt ist, zugleich aber auch von einer besonderen Menschlichkeit, die man sonst selten zu Gesicht bekommt. Im Interview spricht er ehrlich darüber, wie nah ihm manche Schicksale gehen, warum er sich sein „inneres Kind" bewusst bewahrt und weshalb es für in so wichtig ist, dass jede Patientin und jeder Patient zuerst ein Mensch ist und keine "Diagnose auf Zimmer 7".

Wenn Ihr Sohn jetzt Diabetes hätte, würden Sie sich dann auch schämen?

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Marcel von Rauchhaupt

Marcel im Interview: Die spannendsten 3 Fragen zusammengefasst

1) Warum bist du Psychiater geworden und was unterscheidet das Fach von der somatischen Medizin?

„Die Somatiker diagnostizieren mit verschiedenen Techniken, hauen dann eine Diagnose raus und behandeln meistens mit Medikamenten: ‚Sie nehmen ein Antibiotikum und dann sind Sie geheilt.' Bei uns in der Psychiatrie ist das ganz anders. Du hast eine Erkrankung, du hast einen Menschen, der ganz individuell ist und dieses Individuelle muss auch individuell behandelt werden. Du kannst keinen Patienten nach Schema therapieren. Es macht mich immer sehr traurig, wenn ich in Krankenhäusern durch die Notaufnahme gehe und höre: ‚Was macht denn die Pankreasentzündung in Raum 7? Was macht denn die Appendizitis in Raum 8?' Dahinter stehen Menschen. In meinem Fachgebiet ist das ganz wichtig: Wir achten auf Menschlichkeit, auf die Personen dahinter. Ich habe mir im Studium irgendwann gesagt: ‚Das ist mein Fachgebiet. Ich fühle mich hier wahnsinnig wohl.' Es ist nicht immer alles schön, definitiv nicht, aber ich gehe jeden Tag nach Hause und sage mir: ‚Ich möchte niemals was anderes machen.'

2) Worauf kommt es bei der Behandlung an, gerade wenn Patient:innen sich nicht helfen lassen wollen?

„Das ist ein Problem, das in diesem Land sehr vorherrschend ist. Wer psychisch krank ist, ist leider immer noch ein Stück weit gestempelt: ‚Du bist ja verrückt, du bist ja nicht normal.' Patientinnen und Patienten sagen dann sehr schnell: ‚Okay, ich kann das nicht akzeptieren, dass ich psychisch krank bin' und genau daran muss man erst mal arbeiten. Mir ist ganz wichtig, dem Patienten immer mitzuteilen: Es ist total in Ordnung, wie es dir geht. Du hast ein Recht darauf, dass es dir gerade schlecht geht. Du brauchst hier nicht sitzen, lächeln und so tun, als wäre alles in Ordnung. In meinen Räumlichkeiten ist der Ort, wo du deine Emotionen leben und deinen Schmerz zeigen darfst. Wenn dann irgendwann die Behandlungsmotivation da ist, geht es ins richtige Arbeiten. Dann hole ich mein multimodales Team hervor: Ergotherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie, Psychotherapie, das gesamte Pflegeteam, die komplette Ärzteschaft. Ich habe Patienten erlebt, die sprechen mit mir nicht, aber wenn ein Hund im Raum ist, weinen sie einfach mit dem Hund."

3) Wie ist es, ständig in neuen Teams und Städten zu arbeiten?

„Es ist einfacher, als man denken mag. Ich bin jemand, der ganz schnell Heimweh hat. Eine Woche nicht zu Hause und schon geht es los. Aber ich bin immer wahnsinnig begeistert von den Teams, die mich vor Ort aufnehmen und integrieren. Ich habe in so vielen Städten so viele wunderbare Menschen kennengelernt, darunter Alina aus Oberhausen, liebe Grüße, mittlerweile meine beste Freundin. Hätte man niemals gedacht. Leute, die mich extra im Ruhrgebiet besuchen, mit denen ich jahrelang in Kontakt bleibe. Oder ich komme auf die Arbeit, habe wahnsinnigen Hunger, weil ich natürlich wieder nichts zu essen gemacht habe und die Kollegen wissen das schon und bringen mir was mit: ‚Marcel, du kommst mit auf Station und isst mit uns.' Das muss man sich mal vorstellen: Du kommst als fremder Mensch in ein Team, und da sind so herzliche Menschen, die dich einfach aufnehmen. Kein ‚Oh, der Zeitarbeitsarzt, der geht ja eh bald wieder, da müssen wir uns gar nicht anstrengen.' Habe ich nie erlebt und ich bin schon lange dabei. Gerade jetzt in Hamburg sagen die Mädels: ‚So, morgen gehen wir wieder einen trinken, Reeperbahn, wird mal wieder Zeit.' Das ist Zeitarbeit für mich: eine tolle Arbeit an tollen Orten, mit wunderbaren Menschen, die mich so akzeptieren, wie ich bin. Deswegen gehe ich immer gerne auf die Arbeit."