Stationäre Aufnahme Folge 4: Herzchirurg Dr. Umes
„Ich bin der, der das Herz repariert“Wer ist Dr. Umes?
Dr. Umeswaran Arunagirinathan (kurz „Umes") ist Herzchirurg und Buchautor. Sein Weg dorthin ist alles andere als gewöhnlich: Auf Sri Lanka geboren, machte er sich mit 13 Jahren allein auf eine monatelange Flucht, die ihn über mehrere Stationen in Asien und Westafrika schließlich nach Deutschland führte. In Hamburg fand er bei seinem Onkel ein neues Zuhause, lernte die Sprache und schaffte es bis zum Abitur: die Voraussetzung dafür, sich endlich seinen Kindheitstraum zu erfüllen, Arzt zu werden.
Nach dem Medizinstudium und der Promotion entschied er sich für die Herzchirurgie: eine Fachrichtung, in der er sich, wie er selbst sagt, in der Vielseitigkeit und Eigenständigkeit des Organs wiederfindet. Es folgten klinische Stationen an verschiedenen renommierten Häusern in Deutschland. Seit August 2023 ist Umes über doctari in der medizinischen Zeitarbeit tätig.
Umes war zu Gast in Folge 4 der Stationären Aufnahme und hat uns mitgenommen in seinen Berufsalltag zwischen OP-Saal, Intensivstation und Schreibtisch. Was ihn besonders auszeichnet ist seine Mischung aus Dankbarkeit und gesundem Ehrgeiz. Er spricht offen darüber, was Vertrauen zwischen Arzt und Patient bedeutet, warum er den Stillstand fürchtet und weshalb er trotz eines vollen Klinikalltags noch Bücher schreibt, unter anderem zu Flucht, Integration und seiner pointierten Kritik an einem aus seiner Sicht zu profitorientierten Gesundheitssystem.
Bei dieser Umarmung habe ich etwas gespürt, was man nicht bezahlen kann. Das muss man erleben.
”Umes im Interview: Die spannendsten 3 Fragen zusammengefasst
1) Wolltest du schon als Kind Arzt werden?
„Ja, Mediziner zu werden, war schon immer mein Traum, natürlich geprägt durch die Erkrankung meiner Schwester. Sie war damals fünf oder sechs Jahre alt, als sie krank wurde und wir wussten lange nicht, was sie hatte. Mitten im Bürgerkrieg auf Sri Lanka war meine Mutter ständig mit ihr im Krankenhaus und hat mich immer mitgenommen. Wir haben den ganzen Tag auf den Arzt gewartet, oft vergeblich, und sind am nächsten Tag wieder hin. Ich bin dabei immer so müde eingeschlafen und ich weiß noch, wie meine Mama mir ins Ohr geflüstert hat, wie schön es wäre, wenn wir einen Arzt in der Familie hätten. Das hat mich natürlich geprägt. Und es ist wunderbar, dass dieser Kindheitstraum heute wahr geworden ist."
2) Warum bist du in die Zeitarbeit gewechselt?
„Ich war eigentlich ein Kritiker des Zeitarbeitsmodells, weil ich dachte, das sei nicht gut für unser Sozialsystem. Aber heute, nachdem ich es selbst erlebt habe, bin ich dankbar, dass wir das in Deutschland haben. Denn wir haben hier keine faire Ausbildungssituation für junge Ärzte und auch keine faire Vergabe von Positionen, in denen man Verantwortung übernehmen kann. Ich meine damit eine Oberarztposition. Ich war in Hamburg, in Bad Neustadt, an der Charité und in Bremen, und mir wurde eine Oberarztstelle versprochen. Ich habe viel investiert, überpünktlich angefangen und am Ende die Position doch nicht bekommen. Das wollte ich nicht akzeptieren und ich wollte einfach nur raus, um in Ruhe zu überlegen: Was möchte ich eigentlich langfristig? Möchte ich dieses System akzeptieren? Nein. Heute bin ich froh, dass ich über doctari einen Job gefunden habe, in dem ich gut verdiene und gleichzeitig ein neues Arbeitsumfeld kennenlerne, aktuell auf der herzchirurgischen Intensivstation der Uniklinik Halle. So lerne ich nicht nur eine neue Abteilung kennen, sondern kann den Kollegen auch zeigen, was ich kann. Es gab sogar schon ein Gespräch mit dem Chefarzt, ob ich nicht Interesse hätte, dort fest zu arbeiten. So habe ich die Möglichkeit, für mich zu prüfen: Ist das etwas für mich? Oder kann ich von hier aus woanders hospitieren und mich bewerben? Für meine aktuelle Phase ist das das Beste, was mir passieren konnte."
3) Was meinst du, wenn du sagst, das deutsche Gesundheitssystem sei „profitorientiert und asozial"?
„Ich bin überzeugt, dass wir in Deutschland keinen Cent mehr brauchen, um mit dem gleichen Geld bessere Medizin und bessere Lebensqualität zu schaffen. Wir bräuchten einfach nur bessere Strukturen. Wenn wir uns auf die notwendige Diagnostik und Therapie konzentrieren würden, hätten wir schon viel gewonnen: viele Millionen, die wir investieren könnten, um unsere Kolleginnen und Kollegen in Pflege und ärztlichem Bereich besser zu bezahlen, damit jeder mit einem Lächeln zur Arbeit kommt. Bei uns ist das Problem viel eher die Übermedizin als zu wenig Behandlung. Wir machen zu viel Diagnostik doppelt, operieren zu viel und therapieren zu viel, ohne dass es den Patientinnen und Patienten etwas bringt."

Besser als jede Krankenhausserie: unser Podcast
Im doctari Podcast „Stationäre Aufnahme“ geben ÄrztInnen und Pflegekräfte spannende, emotionale Einblicke in ihren Arbeitsalltag. Was treibt ihren Puls in die Höhe? Welche Situationen rauben ihnen den Schlaf? Was motiviert sie, in jeder Schicht alles für ihre PatientInnen zu geben? Und: Was wollten sie als Kind werden? Unsere Gäste erzählen von den schönsten – und manchmal schlimmsten – Momenten ihres Berufslebens.

Noch weitere Einblicke in den Krankenhausalltag...
... gefällig? Wir lassen regelmäßig unsere Fachkräfte selbst zu Wort kommen, damit andere von ihren Erfahrungen profitieren oder sich inspirieren lassen können. Unsere Sammlung beinhaltet beispielsweise Berichte von Fachärztinnen aus der Psychiatrie oder von Pflegefachkräften, die als ZeitarbeitnehmerIn auf der Intensivstation arbeiten.
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