Stationäre Aufnahme Folge 2: Gynäkologin & Sexualtherapeutin Helen Sange
„Der Kopf ist das größte Sexualorgan!“Wer ist Helen Sange?
Helen Sange ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe. Nach ihrem Medizinstudium in Hannover startete sie 2009 ihre ärztliche Laufbahn zunächst in der Strahlentherapie, wo sie in den ersten beiden Jahren vor allem onkologische und palliative Patientinnen und Patienten betreute. 2011 wechselte sie in die Gynäkologie und Geburtshilfe, in der sie inzwischen auf viele Jahre Berufserfahrung zurückblickt: etwa 500 begleitete Geburten, mehrere 100 operative Eingriffe und eine breite klinische Routine zwischen Kreißsaal, OP und Ambulanz. Ergänzend zur Facharztausbildung absolvierte sie eine mehrjährige Weiterbildung in Sexualmedizin und trägt seit Ende 2022 die entsprechende Zusatzbezeichnung.
Anfang 2023 hat Helen ihre eigene gynäkologische Praxis in Berlin eröffnet, die sie bewusst als inklusiven Ort versteht, mit dem Anspruch, dass sich niemand erklären oder rechtfertigen muss. Willkommen sind dort ausdrücklich auch trans- und nicht-binäre Personen sowie Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Nebenbei betreibt sie in ihren Praxisräumen eine kleine Galerie, in der sie Kunst rund um körperliche, psychische und sexuelle Gesundheit zeigt. Parallel zur Praxis ist sie regelmäßig in Zeitarbeit im Einsatz, wo sie die gesamte Bandbreite der Gynäkologie und Geburtshilfe abdeckt, von der geplanten Geburt bis zum operativen Notfall. Helen war zu Gast in Folge 2 der Stationären Aufnahme und hat uns mitgenommen in einen außergewöhnlich vielseitigen Berufsalltag. Sie spricht über sexuelle Gesundheit, über die strukturellen Hürden für Mütter im Klinikalltag und über die Diskriminierung von Frauen in der Medizin.
Das größte Sexualorgan ist der Kopf – nicht die Genitalien.
”Helen im Interview: Die spannendsten 3 Fragen zusammengefasst
1) Werden Geburten irgendwann Routine oder bleibt jede ein Wunder?
„Für mich nicht. Jedes Mal ist das wirklich ein Wunder aufs Neue. Man verbringt ja viel Zeit mit den Patientinnen, 15 Stunden mit einer wehenden Person sind schon eine lange Zeit. Und auch die Geburt an sich kann recht aufregend sein: wenn das CTG mal nicht so schön ist, wenn man viele Entscheidungen treffen und sich mit der Patientin durchkämpfen muss. Die Geburt ist dann nicht die Erlösung, aber zumindest ist das Ziel des Ganzen, dass eine flutschige Geburt entsteht. Manchmal schafft man das nicht ohne Eingriffe. Aber jede einzelne Geburt mit einem gesunden Kind, mit gutem pH und guten Apgar-Werten, das ist für mich ein ganz wichtiges Ziel. Und natürlich auch, dass die Mutter zufrieden ist."
2) Wie läuft eine Sexualtherapie bei dir ab?
„Es ist letztendlich eine Gesprächstherapie. Wir beleuchten dabei auch die Paarbeziehung, weil Sexualität losgelöst davon nicht existiert. Häufig zeigen sich die sexuellen Probleme in irgendeiner Form schon in der Beziehung selbst. Daneben gibt es natürlich Schwierigkeiten mit den sexuellen Funktionen oder Fragen zur Orientierung. Ein großes Steckenpferd von mir ist die Begleitung von Trans-Personen, das mache ich gemeinsam mit der Charité und erstelle dort auch die Indikationsschreiben. Das Erstgespräch dauert etwa anderthalb Stunden. Viele sind davon zunächst abgeschreckt und fragen sich, was sie so lange erzählen sollen. In der Praxis merkt man dann schnell, dass die Zeit verflogen ist und man eigentlich noch weitersprechen möchte. In diesem Kennenlerngespräch erzähle ich auch ein bisschen von mir, der Hauptaugenmerk liegt aber auf der persönlichen und sexuellen Entwicklung der Patient:innen. Die weiteren Sitzungen dauern rund 50 Minuten, meist im zweiwöchentlichen Rhythmus, und wir streben etwa 10 bis 15 Stunden an. Oft braucht es am Ende sogar weniger."
3) Wie sehen deine Zeitarbeitseinsätze für doctari konkret aus und wie wirst du dort aufgenommen?
„In meinem Fall bin ich regional begrenzt, weil ich aufgrund der Kinder nicht so weit fahren möchte. Aktuell bin ich in bis zu drei verschiedenen Häusern als Fachärztin im Einsatz, und zwar im Vordergrund. Das heißt, ich bin die Person vor Ort. Eingesetzt bin ich in der gesamten Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe: Ich sehe die Schwangeren, betreue die Geburten und bin für Notfälle in beiden Bereichen da. So viel Freundlichkeit und Freude darüber, dass man da ist, habe ich noch nie erlebt. Es ist ein sehr dankbarer Job: Gerade in etwas abgelegeneren Regionen, wo oft auch ein Ärztemangel herrscht, freuen sich die Menschen wirklich, dass man zu ihnen kommt und aushilft. Weil ich sehr regelmäßig im Einsatz bin, fühle ich mich dort durchaus wie ein Teammitglied und werde auch so behandelt. Aktuell bin ich mindestens einmal pro Woche in der Klinik tätig, häufig montags, dazu auch den einen oder anderen Samstag für doctari. Den Rest der Zeit widme ich dann der Praxis."

Besser als jede Krankenhausserie: unser Podcast
Im doctari Podcast „Stationäre Aufnahme“ geben ÄrztInnen und Pflegekräfte spannende, emotionale Einblicke in ihren Arbeitsalltag. Was treibt ihren Puls in die Höhe? Welche Situationen rauben ihnen den Schlaf? Was motiviert sie, in jeder Schicht alles für ihre PatientInnen zu geben? Und: Was wollten sie als Kind werden? Unsere Gäste erzählen von den schönsten – und manchmal schlimmsten – Momenten ihres Berufslebens.

Noch weitere Einblicke in den Krankenhausalltag...
... gefällig? Wir lassen regelmäßig unsere Fachkräfte selbst zu Wort kommen, damit andere von ihren Erfahrungen profitieren oder sich inspirieren lassen können. Unsere Sammlung beinhaltet beispielsweise Berichte von Fachärztinnen aus der Psychiatrie oder von Pflegefachkräften, die als ZeitarbeitnehmerIn auf der Intensivstation arbeiten.
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