Gefängnisarzt Dr. Tim Ermel: Notfallmedizin, Drogensubstitution & Empathie hinter Gittern

Folge 6: „Es ist eine abgeschottete Welt."

Was bewegt einen Internisten dazu, seine Karriere in einer Strafvollzugsanstalt zu machen? Dr. Tim Ermel ist Facharzt für Innere Medizin und arbeitet seit 2016 als Gefängnisarzt. Zum Zeitpunkt unseres Interviews war er der dienstälteste Arzt bei doctari mit den meisten Einsatztagen. In Folge 6 unseres Podcasts „Stationäre Aufnahme" erzählt er von prägenden Erlebnissen im Gefängnisalltag, von medizinischen Notfällen hinter dicken Mauern, von Drogensubstitution, speziellen Hafträumen und warum ihn diese Arbeit erfüllt wie nichts anderes zuvor.

Dauer: ca. 42 Minuten | Redaktion: Martha Nisi & Julia Schwiedergoll | Jetzt hören auf: Spotify | Apple Podcasts | YouTube

Wer ist Tim Ermel?

Dr. Tim Ermel ist Facharzt für Innere Medizinmit einem außergewöhnlichen beruflichen Weg und tiefer Leidenschaft für seine Arbeit mit sozial benachteiligten Personen. Seine Karriere beginnt nicht im klassischen Sinne: Nach dem Abitur leistete er Zivildienst in einem Altenheim, absolvierte dann eine dreijährige Krankenpflegeausbildung und arbeitet mehrere Jahre als Krankenpfleger.

Parallel zu seiner Karriere als Pfleger unternahm Tim Reisen nach Südostasien, Indien und Nepal, die sein medizinisches und philosophisches Weltbild tiefgreifend prägten. Diese Erfahrungen führten ihn zur Entscheidung, Medizin zu studieren. Nach seiner Facharztanerkennung Innere Medizin (2010) arbeitete er in verschiedenen Kliniken: Lungenheilkunde, Kardiologie, Gastroenterologie und absolvierte auch Einsätze als Notarzt. 

Seit 2015 ist Tim in der medizinischen Zeitarbeit tätig. Sein Schwerpunkt liegt seitdem auf der Arbeit im Justizvollzug: Er ist leitender Anstaltsarzt und versorgt etwa 600 Gefangene mit allgemeinmedizinischen, internistischen und psychosomatischen Leistungen. Mit speziellen Zusatzqualifikationen in Suchtmedizin und psychosomatischer Grundversorgung ist er einer der wenigen Fachleute in diesem hochgradig spezialisierten Bereich der Medizin. In Folge 6 der Stationären Aufnahme gibt er konkrete Einblicke in Abläufe, Teamarbeit und Entscheidungswege in diesem speziellen Arbeitsumfeld.

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Mir ist besser zu suchen und niemals zu finden, als mich eng und warm an das Nahe zu binden. Das Gedicht von Hesse hat mich begleitet – und vielleicht bin ich wirklich ein kleiner Hässe, der immer auf der Suche ist.

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Internist Tim Ermel

Tim im Interview: 3 Fragen und Antworten aus dem Podcast

Dr. Ermels Alltag in der Justizvollzugsanstalt ist eine Mischung aus Routine und ständiger Unvorhersehbarkeit.

„Morgens fahre ich auf den Parkplatz und werde eingeschleust. Ich bekomme ein Funktelefon und einen Schlüssel und laufe über das Gelände – mehrere Gebäude, gefühlt 50 Türen bis zur Arztbeschäftsstelle. Dort arbeiten 12-15 Pflegekräfte im 24/7-Schichtbetrieb, zwei Ärzte tagsüber, aber nicht am Wochenende. Ich logge mich ein und bekomme gesagt: Was war in der Nacht? Gab es Notfälle? Wer wurde ins Krankenhaus verlegt? Dann schaue ich, wer krank ist: Fieber? Infizierte Wunden? Dann durchsehe ich die Krankmeldungen aus den Arbeitsbetrieben – die Insassen haben eine Arbeitspflicht. Ich muss auch nach Leuten in besonders gesicherten Hafträumen sehen, diese müssen täglich vom Arzt untersucht werden. Es gibt einen Alltag mit Visiten nach Haus, die über die Woche angemeldet werden, aber es kann sich von einer Sekunde auf die andere ändern: Anstaltsalarm, Schlägereien, akute medizinische Notfälle. Das macht diesen Job so anspruchsvoll und intensiv."

Tims Weg zur Medizin war nicht linear, aber jede Station trug zu seiner späteren Berufung bei.

„Ich merkte, dass mir die Pflege allein nicht ausreichte. Ich wollte tiefer in die Medizin einsteigen. Ich habe Indien bereist, mich in religiösen Zentren aufgehalten, das war sehr prägend. Ich fragte mich ständig: ‚Was ist der Weg zum Glücklichsein?' Menschen mit Krankheit und wenig materiellem Besitz können unglaublich glücklich sein. Das hat mich tiefgreifend beeinflusst. Dann studierte ich Medizin und arbeitete in Lungenkliniken, Kardiologie, Gastroenterologie. Ich suchte immer nach dem richtigen Platz. Das Angebot, Gefängnisarzt zu werden, war attraktiv: Ich konnte zu Hause bleiben, die Arbeit lag vor meiner Haustür, ich brauchte nicht ständig zu reisen. Ich probierte es aus und bin offenbar dabei geblieben."

Tim beschreibt einen einschneidenden Fall, der sein ärztliches Handeln bis heute prägt.

„Es gab einen medizinischen Notfall, der mich noch heute beschäftigt. Ein 45 Jahre alter Mann wurde aus einer anderen Anstalt zu uns verlegt und hatte Brustschmerzen. Als ich ihn sah, waren die Beschwerden vorbei. Er hatte ein Risikoprofil – starker Raucher, war nie beim Arzt – aber das EKG war unauffällig. Ich sagte ihm: ‚Zur Sicherheit solltest du ins Justizvollzugskrankenhaus zur Abklärung eines akuten Koronarsyndroms.' Er lehnte ab, obwohl ich ihn aufklärte, dass das lebensgefährlich sein kann, dass es tödlich enden kann. Er unterschrieb auf eigene Verantwortung. Am nächsten Morgen finde ich diesen Mann als Notfall vor – mit einem Hebungsinfarkt, bewusstlos, reanimationspflichtig. Trotz intensivster Bemühungen starb er im Krankenhaus. Das geht mir nahe und es lässt mich seitdem immer vorsichtiger sein, wie ich medizinische Risiken einschätze. In solchen Momenten wird die volle Verantwortung bewusst, die man als Arzt trägt."

Bildquelle: iStock.com/Tempura