Stationäre Aufnahme Folge 6: Internist & Gefängnisarzt Tim Ermel
„Es ist eine abgeschottete Welt“Wer ist Tim Ermel?
Tim Ermel ist Facharzt für Innere Medizin mit einem ungewöhnlich breit aufgestellten Weg in den Arztberuf: Vor seinem Medizinstudium arbeitete er zunächst in der Pflege und sammelte so schon früh praktische Erfahrung im Klinikalltag. Prägend waren für ihn außerdem längere Auslandsaufenthalte in Asien, nach denen für ihn feststand, den Weg in die Medizin weiterzuverfolgen.
Nach dem Studium in Berlin startete er seine klinische Ausbildung mit Stationen in der Inneren Medizin und Chirurgie und spezialisierte sich anschließend auf den internistischen Bereich, inklusive Akut- und Notfallmedizin. 2010 folgte dann die Facharztanerkennung, danach arbeitete er über die Jahre sowohl festangestellt als auch freiberuflich in unterschiedlichen Kliniken und Praxen.
Seit 2015 ist Tim in der medizinischen Zeitarbeit tätig. Sein Schwerpunkt liegt seitdem auf der Arbeit im Justizvollzug: Dort betreut er Inhaftierte hausärztlich-internistisch und stellt in enger Abstimmung mit den Sicherheitsabläufen und dem psychosozialen Dienst die medizinische Versorgung im Haftalltag sicher. Dabei erlebt er Situationen und Fälle, die man außerhalb der Gefängnismauern kaum kennt. In Folge 6 der Stationären Aufnahme gibt er konkrete Einblicke in Abläufe, Teamarbeit und Entscheidungswege in diesem speziellen Arbeitsumfeld. Besonders überzeugt hat er als Gast durch seine nahbare, reflektierte Haltung und seinen Blick dafür, wie man Menschlichkeit bewahrt, ohne professionelle Grenzen zu verlieren.
Die Zeitarbeits-Einsätze im Berliner Strafvollzug waren für mich auch deswegen attraktiv, weil ich eben zu Hause sein konnte. Und diese Arbeit dann auch in der Heimat machen konnte und nicht mehr herumreisen musste.
”Tim im Interview: Die spannendsten 3 Fragen kurz zusammengefasst
1) Wie kann man sich Team, den Start in den Tag und deinen Ablauf im Vollzug vorstellen?
„Aktuell arbeite ich im geschlossenen Männervollzug mit etwa 600 Inhaftierten. Ich komme an, werde eingeschleust, habe ein Funktelefon und einen Schlüssel. Ich laufe übers Gelände mit mehreren Gebäuden und schließe mich durch gefühlt 50 Türen, bis ich an die Arztgeschäftsstelle komme. Dort arbeiten zwölf bis fünfzehn Pflegekräfte im Dreischichtsystem, 24/7. Zwei Ärzte sind tagsüber da, aber nicht am Wochenende. Dann logge ich mich ein und bekomme gesagt, was in der Nacht war: Gab es Notfälle? Gibt es Leute, die ich mir angucken muss – Verletzte, „Ausgeführte“ (die nachts z. B. ins Krankenhaus mussten) oder andere Fälle? Dann schaue ich, wer krank ist: Muss ich jemanden sofort sehen, gibt es Fieber, entzündete oder infizierte Wunden? Und ich prüfe die Krankmeldungen aus den Arbeitsbetrieben, denn hier gibt es Arbeitsbetriebe und die Inhaftierten haben auch eine Pflicht zu arbeiten. Insassen im besonders gesicherten Haftraum müssen auch täglich vom Arzt gesehen werden, um zu überprüfen, ob es ihnen gut geht und ob sie Medikamente brauchen.“
2) Was ist ein besonders gesicherter Haftraum und wie sieht der konkret aus?
„Das sind Zellen, die zum Beispiel eine Toilette aus Metall haben, fest am Boden angeschraubt. Es gibt keine Gegenstände, die man nehmen kann: keinen Stuhl, keinen Tisch. Auf dem Boden liegt eine Matratze, meist so eine Gummimatratze, die man nicht zerreißen kann. Es gibt kein Fenster, das man öffnen kann, dafür eine Klimaanlage. Wenn es notwendig ist, gibt es auch Kameraüberwachung, damit derjenige sich nicht doch selbst verletzt und man sieht, dass es ihm weiterhin gut geht. Einen Fernseher gibt es nicht. Was es manchmal gibt, ist so ein Sitzsack oder ein kleiner Hocker, damit man nicht die ganze Zeit auf dem Boden sitzen muss. Ansonsten ist es eine etwa drei mal vier Meter große Zelle, die darauf ausgelegt ist, dass derjenige sich nicht selbst verletzt. Menschen werden zum Eigenschutz dann dorthin gebracht."
3) Wie bist du bei doctari gelandet und was ist dein Fazit zu Zeitarbeit?
„Ich bin auf Zeitarbeit aufmerksam geworden, als ich gerade meinen Facharzt für Innere Medizin gemacht habe. Das war so eine Umbruchphase, in der ich mich neu orientieren musste. Ich war eben kein Assistenzarzt mehr, sondern Facharzt und da stand die Frage im Raum: Was fange ich jetzt mit meinem Facharzt an, mit meinem erworbenen Wissen? Wo möchte ich das einsetzen? In dieser Klinik, in der ich war oder noch die nächsten Jahre gewesen wäre? Oder gibt es jenseits von dem, was ich bis jetzt gelernt habe, noch andere Dinge, die interessant sind, wo ich mein Wissen auf eine ganz andere Art anwenden kann? Ich habe mich dann umgeschaut und bin im Internet über Zeitarbeitsfirmen gestolpert. Das war damals noch gar nicht so gang und gäbe, dass Ärzte diesen Weg gehen konnten, das war nicht so selbstverständlich. Als ich meine ersten Vermittlungen bekam, war das für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern auch neu und man ist mir neugierig, manchmal auch skeptisch begegnet. Heute ist die Arbeit für doctari eine sehr schöne Sache. Das sind kurze Arbeitsverträge, die Möglichkeit, sich in wenigen Jahren viele Dinge anzuschauen. Das würde ich auf jeden Fall unbedingt jedem und jeder raten."

Besser als jede Krankenhausserie: unser Podcast
Im doctari Podcast „Stationäre Aufnahme“ geben ÄrztInnen und Pflegekräfte spannende, emotionale Einblicke in ihren Arbeitsalltag. Was treibt ihren Puls in die Höhe? Welche Situationen rauben ihnen den Schlaf? Was motiviert sie, in jeder Schicht alles für ihre PatientInnen zu geben? Und: Was wollten sie als Kind werden? Unsere Gäste erzählen von den schönsten – und manchmal schlimmsten – Momenten ihres Berufslebens.

Noch weitere Einblicke in den Krankenhausalltag...
... gefällig? Wir lassen regelmäßig unsere Fachkräfte selbst zu Wort kommen, damit andere von ihren Erfahrungen profitieren oder sich inspirieren lassen können. Unsere Sammlung beinhaltet beispielsweise Berichte von Fachärztinnen aus der Psychiatrie oder von Pflegefachkräften, die als ZeitarbeitnehmerIn auf der Intensivstation arbeiten.
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