Der Zeitarbeits-Podcast: Einsatzbereit #11
Ein Schlag ins Gesicht - Gewalt im GesundheitswesenShownotes
Triggerwarnung: Diese Folge enthält Schilderungen von Gewalterfahrungen im medizinischen Arbeitsalltag, inklusive eines detaillierten Berichts über körperliche Gewalt. Bitte hört achtsam und schaltet jederzeit ab, wenn es euch zu viel wird.
Direkt aus der vorherigen Folge zum Arbeitsschutz heraus entstanden, widmet sich Folge 11 einem Thema, das laut Elisa "sehr sensible Inhalte" mit sich bringt: Gewalt im medizinischen Arbeitsalltag. Gemeint ist damit ausdrücklich mehr als nur körperliche Übergriffe – auch verbale Beleidigungen, Drohungen und subtilere, strukturelle Formen von Gewalt gehören dazu.
Eine eigene Studie als Ausgangspunkt
Zu Jahresbeginn hatte Frieda eine eigene kleine Befragung unter 54 Kliniken durchgeführt – "in Anführungszeichen" eine Studie, wie sie selbst einordnet, da die Gruppe zu klein für Repräsentativität ist. Ziel war ein Stimmungsbild zum Vorkommen von Gewalt und dem Umgang damit in deutschen Kliniken. Die Definition, mit der im Podcast gearbeitet wird, ist bewusst breit gefasst: "Unter Gewalt wird die absichtliche Anwendung von physischer, psychischer oder verbaler sowie struktureller Kraft verstanden, die darauf abzielt, anderen Personen Schaden zuzufügen, sie zu kontrollieren oder zu unterdrücken."
Strukturelle Gewalt – ein Beispiel aus dem echten Alltag
Hörerin Bianca, seit 16 Jahren Krankenschwester, teilt eine Erfahrung aus ihren ersten Jahren auf der Intensivstation: KollegInnen, die selbst erst kurz zuvor angefangen hatten, teilten ihr Fachwissen nicht mit ihr, sodass sie sich in schwierigen Situationen im Stich gelassen fühlte. Ihre eigene Einordnung dieser Erfahrung: "Ich finde, es ist schon noch eine Art von Gewalt, wenn ich über ein Fachwissen verfüge und sehe, dass ein neuer Mitarbeiter halt eben vor sich hin struggelt und nicht hingehe und ihm halt eben mein Wissen zur Verfügung stelle." Die Hosts ordnen das unmittelbar als Lehrbuchbeispiel für strukturelle Gewalt ein – mit realen Konsequenzen für die Patientensicherheit.
Eine Nacht, die alles verändert hat
Der bewegendste Moment der Folge ist die Sprachnachricht von "Hai", einem 35-jährigen Arzt, der seit Jahren regelmäßig für doctari arbeitet. Er berichtet von einer Nachtschicht vor etwa anderthalb Jahren, in der ein bereits mit Hausverbot belegter, psychisch kranker Patient unter einem Vorwand erneut in die Klinik gelangte und ihn trotz Deeskalationsversuchen körperlich angriff – eine Situation, die in einer kurzen, aber für ihn ewig wirkenden Verfolgung durch die Klinik endete, bis die Polizei eintraf. Besonders eindrücklich ist, was danach blieb: "Ein großes Gefühl von Ohnmacht und Machtlosigkeit [...] Man ist wütend auf sich selber, weil man nicht weiß: Hat man da alles richtig gemacht?" Sein Fazit, das den Kern der ganzen Folge trifft: "Ich glaube, Gewalt ist mittlerweile kein Einzelfall mehr im Gesundheitswesen, sondern die Realität."
Positiv hebt er hervor, wie doctari im Anschluss reagierte – mit Gesprächsangeboten, psychologischer Hilfe und Verständnis für seine Krankmeldung.
Warum die letzte Rettung manchmal nur Weglaufen ist
Aus dieser Schilderung leitet Elisa einen sehr praktischen Sicherheitshinweis ab, den sie auch in Unterweisungen weitergibt: Wenn Deeskalation nicht mehr greift, ist Weglaufen die letzte legitime Option – weshalb festes statt offenes Schuhwerk im Klinikalltag auch aus Sicherheitsgründen empfehlenswert ist.
Gewaltvorfälle sind meldepflichtige Arbeitsunfälle
Ein zentraler, oft unbekannter Fakt der Folge: Gewaltvorfälle gelten als meldepflichtige Arbeitsunfälle bei der Berufsgenossenschaft. doctari meldet nach eigener Aussage grundsätzlich jeden Gewaltvorfall, denn dadurch stehen unter anderem fünf probatorische psychologische Sitzungen über die Berufsgenossenschaft zur Verfügung. Auch der Rahmen der "versicherten Tätigkeit" wird erklärt: Ein privater Spaziergang in der Pause ist nicht versichert, das Spazierengehen mit einer Patientin oder einem Patienten dagegen schon – und damit auch ein Übergriff in genau diesem Moment.
Prävention, Akutbetreuung, Nachsorge
Die Studie zeigt: An Schulungen mangelt es in den befragten Kliniken eher nicht – 70 % setzen auf Schulungen, 57 % auf Deeskalationstrainings. Deutlich weniger verbreitet sind dagegen strukturierte Rückkehrgespräche nach einem Vorfall: nur 18 % der befragten Kliniken bieten das an. Dabei betont die Folge, wie wichtig gerade diese Nachsorge ist: "Gewalt hinterlässt Spuren. Immer [...] Das Gleiche passiert, wenn dir jemand verbal oder psychisch zusetzt [...] das ist quasi wie eine Prellung der Seele." Auch praktische Systeme aus dem Klinikalltag werden vorgestellt, etwa die "weiße Wolke": Auf Knopfdruck sammeln sich alle weiß gekleideten Mitarbeitenden um eine eskalierende Situation, um allein durch ihre Präsenz deeskalierend zu wirken.
Mini Mad Note: VR-Training als neuer Präventionsansatz
Unter dem Stichwort "Arbeitsschutz 4.0" stellt die Folge Virtual-Reality-Trainings vor: Pflegekräfte und Ärzt:innen können darin realitätsnahe Gewaltsituationen komplett gefahrlos durchleben und Deeskalationsstrategien einüben – inklusive individuell anpassbarer Schwierigkeitsgrade und beliebiger Wiederholbarkeit.
Best Practice: Die Initiative "Sicher im Dienst"
Als konkretes Positivbeispiel wird die NRW-weite Initiative "Sicher im Dienst" vorgestellt. Anne Herr, Leiterin der Stabsstelle des Präventionsnetzwerks beim Polizeipräsidium Münster, erklärt den Ansatz: "Wir möchten Beschäftigte im Gesundheitswesen besser vor Gewalt schützen, und zwar durch Wissen, durch Austausch, aber auch ganz konkret durch Unterstützungsmöglichkeiten und Handlungsempfehlungen [...] Niemand muss Gewalt im Dienst einfach hinnehmen."Dr. Norman Hecker, Chefarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin am Evangelischen Klinikum Gelsenkirchen und Mitglied der Koordinierungsgruppe der Initiative, ergänzt aus eigener Erfahrung: "Mein Team erlebt nahezu täglich irgendeine Form der Gewalt [...] Wir haben uns als Team dazu entschieden, Haltung zu zeigen und mutig voranzugehen." Die Initiative ist trotz NRW-Fokus bundesweit offen für alle im Gesundheitswesen Tätigen.
Weitere Informationen zur Initiative: www.sicherimdienst.nrw
Das Fazit der Folge
"Gewaltprävention ist kein Projekt, das man einmal aufsetzt und danach abhakt. Es ist ein Prozess und auch eine Haltung." Betroffene werden ausdrücklich ermutigt, sich bei ihrer Einrichtung oder bei doctari zu melden – niemand muss das allein tragen.
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