Stationäre Aufnahme Folge 14: Gefängnisärztin Dr. Camilla von Münchhausen
„Man muss sich auf die Einzelschicksale einlassen, so vorbehaltlos wie möglich."Wer ist Dr. Camilla von Münchhausen?
Dr. Camilla von Münchhausen ist Ärztin mit chirurgischem Schwerpunkt und einem Werdegang, der sie oft weit weg von der klassischen deutschen Klinik und hin zu spannenden Einsatzorten geführt hat. Nach dem Medizinstudium in Berlin absolvierte sie ihr Praktisches Jahr mit Stationen u. a. in der Infektiologie, Notfallmedizin, Anästhesie und Chirurgie. Im Anschluss sammelte sie über mehrere Jahre klinische Erfahrung als Assistenzärztin in verschiedenen chirurgischen Bereichen und erlangte später die Facharztanerkennung in Allgemeinchirurgie und Allgemeinmedizin. Über die Jahre war sie unter anderem in Brasilien, England, Südafrika und auf den Philippinen tätig.
Seit 2023 ist sie als Ärztin regelmäßig für doctari in einer Justizvollzugsanstalt (JVA) im Einsatz gewesen. Camilla war zu Gast in Folge 14 der Stationären Aufnahme und hat uns in diesem Gespräch Einblicke in ihren speziellen Arbeitsalltag gegeben. Was sie dabei besonders sympathisch macht, ist ihre reflektierte, ruhige Art: Sie spricht offen darüber, wie sie die „menschliche Komponente" unter diesen Bedingungen im Blick behält, ohne dass dabei der professionelle Abstand verloren geht.
Ich frage wahnsinnig viel. Ich frage alles und jeden und ich habe tatsächlich gemerkt, wenn man das mit einer offenen Freundlichkeit macht, dass man sehr positives Feedback bekommt und eigentlich alle bereit sind, einem unter die Arme zu greifen.
”Camilla im Interview: Die spannendsten 3 Fragen zusammengefasst
1) Wie gehst du damit um, dass deine Patienten verurteilte Straftäter sind, und wie baust du unter diesen Bedingungen Vertrauen auf?
„Ich glaube, wenn ich immer nur 'Vollprofi' wäre, könnte ich das nicht machen. Man muss, finde ich, zumindest eine menschliche Komponente mit reinbringen, weil es sonst wahrscheinlich auch keinen Spaß macht und viele Dinge einen natürlich berühren. In der Regel kann ich nachschauen, was die Leute gemacht haben. Ich kann auch in Vorbefunden nachlesen, was war oder was sie den Psychiatern erzählen. Ich muss das aber nicht, und ich schaue häufig wirklich nicht rein, weshalb die Menschen dort einsitzen, weil ich sonst eventuell Vorbehalte haben könnte. Insofern versuche ich, die Emotionen aus der ganzen Geschichte rauszulassen, aber ganz geht das einfach nicht. Man muss sich da, glaube ich, ein Stück weit drauf einlassen, tatsächlich auch auf die Einzelschicksale, aber so vorbehaltlos wie möglich. Das ist wahrscheinlich die optimale Versorgung."
2) Würdest du sagen, dass die Arbeit im Gefängnis emotional belastender ist für dich als in anderen Arbeitsumgebungen?
„Es ist natürlich schon so, dass man es dort mit einem besonderen Menschenschlag zu tun hat. Viele Menschen, die im Gefängnis sitzen, bringen soziale Probleme mit – die sind oft auch ein Teil der Ursachen. [...] Am anstrengendsten finde ich aber, glaube ich, das Setting an sich: Wenn man sich erst mal durch all diese Schließtüren arbeiten muss, um in die sogenannte Arztgeschäftsstelle zu kommen – also die Arztpraxis, wenn man so will – oder durch diese Zellengänge. Man läuft gefühlt kilometerweit, und das kann manchmal schon ein bisschen deprimierend sein."
3) Was sind denn aus deiner Sicht die größten Vorteile an medizinischer Zeitarbeit?
„Ich habe sehr lange in Berliner Notaufnahmen gearbeitet. Da schleicht sich erstens so eine Routine ein, was einerseits sehr praktisch und natürlich auch wichtig ist, aber man entwickelt sich nicht so richtig weiter, finde ich. Wenn man flexibel bleibt, lernt man dagegen immer etwas dazu. Man muss sich weiterbilden. Und man merkt auch, dass das Gras auf der anderen Seite nicht immer grüner ist. Aber man sieht eben auch, dass es Dinge gibt, die man an manchen Stellen vielleicht besser macht als woanders. Ich finde, man bekommt dadurch einen super Überblick und auch wahnsinnig viel Anerkennung. Das ist immer ganz schön, wenn man sich irgendwo einarbeitet und es dann funktioniert."

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Im doctari Podcast „Stationäre Aufnahme“ geben ÄrztInnen und Pflegekräfte spannende, emotionale Einblicke in ihren Arbeitsalltag. Was treibt ihren Puls in die Höhe? Welche Situationen rauben ihnen den Schlaf? Was motiviert sie, in jeder Schicht alles für ihre PatientInnen zu geben? Und: Was wollten sie als Kind werden? Unsere Gäste erzählen von den schönsten – und manchmal schlimmsten – Momenten ihres Berufslebens.

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