"Was mache ich hier eigentlich?" Nikola Pašajlić erinnert sich an Nachtschichten, in denen er sich genau diese Frage gestellt hat – nicht nur einmal. Als Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin weiß er: „Die hohe Arbeitsbelastung im Gesundheitswesen ist ein wesentlicher Faktor für Personalausfälle.“ Er berichtet von Bagatellfällen, die die Notaufnahme belasten, von Krankheitsausfällen, die andere ÄrztInnen kompensieren müssen, von Druck und Überarbeitung: „Man muss viel leisten, ist immer mit einem Fuß im Gefängnis und darf keinen Fehler machen.“ Sein Fazit: „Es ist nicht gut, wenn Ärztinnen und Ärzte mehrere 24-Stunden-Dienste in kurzer Abfolge leisten müssen.“
Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2024 sind stressige Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen ein zentrales Risiko für psychische Gesundheit – mit Angst, Stress und Burnout als häufige Folgen. Ergänzend zeigen Berichte der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, dass psychische Belastungen am Arbeitsplatz seit Jahren überdurchschnittlich hoch sind – besonders in Berufen mit hoher emotionaler Arbeitsdichte wie der Pflege und Medizin.
Das Für und Wider von Zeitarbeit
Wenn Kliniken am Limit sind, wird Zeitarbeit oft zum Rettungsring. Gleichzeitig steht sie in der Kritik. Erik, Facharzt für Allgemeinmedizin in Schweden, berichtet, dass sein Heimatland gerade versucht, diese Arbeitsform zurückzudrängen. Das liege daran, so Erik, dass ein Hyrläkare oder eine Hyrsköterska (Mietkrankenschwester) oft mehr kostet als ein Festangestellter. Zudem fehle es durch häufig wechselnde Einsätze an Kontinuität im Team und in der Patientenbetreuung. „Trotzdem gib es einen großen Bedarf an Mietärzten“, weiß Erik. Auch in Deutschland wird das Für und Wider diskutiert. Wechselnde Einsatzorte, soziale Isolation und fehlende Teamkontinuität gelten als Belastungsfaktoren. Eine Studie des Instituts für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften wies bereits vor zehn Jahren auf negative psychosoziale Effekte hin.
Doch es gibt auch eine andere Perspektive. So erlebt der Gladbacher Unfallchirurg Pašajlić als Zeitarbeitskraft vor allem Dankbarkeit: „Das Team vor Ort war am Limit.“ Er selbst empfand sich als „Feuerlöscher“ – eine Rolle, die andere entlaste.
Perspektivwechsel: Mehr Wertschätzung, mehr Autonomie
Aus diesem Blickwinkel kann Zeitarbeit durchaus mentale Entlastung bringen – durch Wertschätzung, Autonomie und Selbstwirksamkeit. Während manche die fehlende soziale Kontinuität kritisch sehen, empfinden andere die wechselnden Teams als Befreiung von belastenden Strukturen. Zeitarbeit wirke dabei als psychischer Schutzfaktor in einem dauerüberlasteten System, bestätigt Pašajlić: „Man hat mehr frei und kann sich seine Zeit besser einteilen.“ Durch flexible Einsatzorte und -zeiten lassen sich Belastungsgrenzen aktiver steuern.
Zeitarbeit heißt: Raus aus der Komfortzone
Seit Mai 2025 ist Pašajlić zu 50 Prozent in einem Krankenhaus in Xanten festangestellt. Zusätzlich arbeitet er als Zeitarbeiter über doctari in Recklinghausen sowie als freiberuflicher Notarzt an mehreren Standorten in der Region. Dafür legte der 37-Jährige monatlich mehr 1.000 Kilometer mit dem Auto zurück. „Ich habe meine Komfortzone verlassen und dafür Freizeit gewonnen“, sagt er. Auch, weil in Zeitarbeit weniger bürokratische Zusatzaufgaben anfallen und der Fokus stärker auf medizinischen Tätigkeiten liegt. „Es ist ein bisschen wie eine Selbständigkeit, man muss der Typ dafür sein“, so Pašajlić.
Auch Bianca Kohl, Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege in München, betont die Eigenverantwortung: „Man ist in der Holpflicht als Zeitarbeitskraft: Ich muss erfassen, was das Team braucht und mich selbst als Entlastung anbieten.“
Eine Typfrage
Hohe Eigenverantwortung, wechselnde Settings und fehlende Teamkontinuität passen nicht zu jedem. Da braucht es gute Vermittlungsstrukturen für Planbarkeit und Sicherheit. „Für mich war es eine Verbesserung“, berichtet Kohl. Mit doctari als „vermittelnden Puffer“ schafft die 40-Jährige nach 16 Jahren in der Intensivpflege für sich eine Struktur, die ihr gut tut: „Ich kann meinen Wohlfühlstundensatz kreieren und meinen Dienstplan mitorganisieren.“ Dabei würden die vorgegeben Stunden nicht überschritten, sagt sie. Sieben Tage arbeitet Kohl am Stück, dann folgen fünf Tage frei. Zwischen Einsätzen pausiert sie oft einen Monat – ein undenkbares Szenario in Festanstellung. „Mir geht‘s damit besser, deutlich besser – körperlich und geistig.“
Fazit: Mehr Balance durch sinnvolle Ergänzung
Für mentale Gesundheit im Gesundheitswesen braucht es Gestaltungsspielräume und Planbarkeit. „Nur als Ergänzung zu Festanstellungen macht Zeitarbeit Sinn“, sagt Erik. Auch Kohl betont: Der Mehrwert müsse von Klinikseite erkannt werden. Aus Erfahrung weiß sie, dass Kliniken häufig Schichtausfälle kompensieren, ohne einen Blick in die Lebensläufe von Leihkräften zu werfen. So würden wertvolle Kompetenzen gar nicht wahrgenommen. „Das Klinikmanagement muss gezielt Fachkompetenz dazu buchen.“ Mit einer professionellen Vermittlung und richtig eingesetzt könne Zeitarbeit so tatsächlich Personal entlasten – als flexible Ergänzung in einem dauerhaft belasteten System.
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